Thomas Berger

Taufstein ist älter als die Kirche

Wilkendorf (MOZ) Sie sind in aller Regel die ältesten Bauwerke in ihren Orten, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen der Region vor. Heute: Dorfkirche Wilkendorf.

Beliebt für Hochzeiten und andere Feiern: Brigitte Kurras, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, in der Wilkendorfer Kirche. Links hinter ihr der uralte und besonders mächtige Taufstein, rechts die Patronatsbank, die an die einstigen Gutsherrenfamilie von Pfuel erinnert.
© Thomas Berger

Aus grauer Vorzeit hat er überdauert. Herausgeschlagen aus einem Granitblock und weitaus größer als die meisten seiner Art, ist der Taufstein in der Wilkendorfer Kirche älter als das umgebende Gebäude selbst. Ein Relikt noch aus dem Vorgängerbau, auf 1150 datiert, wie Brigitte Kurras, die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, erzählt. Und damit um etwa 200 Jahre älter als die aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammende zweite Dorfkirche, die noch immer der Mittelpunkt des Ortes ist. Selbst ihre letzte Ruhestätte finden die Dorfbewohner wie in früheren Tage direkt neben dem Gotteshaus auf dem Kirchhof.

Dabei gab es Zeiten, in denen sich das Gebäude in einem höchst bedauernswerten Zustand befand. 1975, blickt Brigitte Kurras zurück, wurde sogar der prächtige Flügelaltar, der einst den Chorraum der Wilkendorfer Kirche zierte, ins benachbarte Gielsdorf hinübergeschafft. Denn an seinem angestammten Standort, der immer baufälliger wurde, wäre er nicht mehr sicher gewesen. In den letzten Jahren der DDR und unmittelbar nach der Wende fanden nicht einmal mehr Gottesdienste statt, mussten auch die Gläubigen, gewissermaßen dem exilierten Altar folgend, den Weg nach Gielsdorf antreten, um sich zu versammeln.

Viele Gelegenheiten, regulär als Kirchengemeinde hier zusammenzukommen, gibt es zwar auch heutzutage nicht, da die eigene Pfarrstelle schon lange nicht mehr besetzt ist und Gottesdienste nur noch zu hohen kirchlichen Feiertagen stattfinden. Reichlich Leben herrscht übers Jahr verteilt dennoch zwischen den alten Mauern. Denn Wilkendorf ist beispielsweise beliebt für kirchliche Trauungen bei den Hochzeitspaaren, die sich nur ein kleines Stück entfernt im Strausberger Burghotel The Lakeside, einer dafür äußerst gefragten Adresse, standesamtlich das Ja-Wort geben, kann Brigitte Kurras noch erzählen. Mit Goldenen Hochzeiten und anderen Feierlichkeiten verhält es sich ähnlich. Überdies gibt es die Konzerte des eigenen Kirchenchores. Die Orgel kann dabei nicht begleiten, denn die ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr funktionstüchtig. Für ihre Reparatur fehlt der Gemeinde, die für die umfassende Sanierung der beiden anderen ihr gehörenden Kirchenbauten in Gielsdorf und Hirschfelde in der jüngsten Vergangenheit enorme Summen aufbringen musste, schlicht das Geld.

Angesichts dessen, dass auch die Wilkendorfer Kirche bereits in den frühen Neunzigerjahren eine umfassende Sanierungskur erfahren hat, ist die nicht funktionstüchtige Orgel indes ein nachgeordnetes Detail. Ganz aus eigenen Kräften der Kirche bis hinauf zur Landesebene wurden 1993 die Kosten aufgebracht, um weitreichende Arbeiten am undicht gewordenen Dach, den Fenstern und der Elektrik durchzuführen, auch eine Bankheizung zu installieren. Mit der Wiedereinweihung im Oktober 1994 erstrahlte sie dann in neuem Glanz - einschließlich der Patronatsbank aus dem Jahre 1862. Diese trägt an der einen Seite das Wappen der Pfuels, jahrhundertelang Gutsherren im Dorf, auf der anderen ist das von Isa Revenklov samt Namenszug verewigt. Dass die mittelalterliche Glocke mit Münzrelief im Turm jeden Tag um 18 Uhr läutet, hat für die Wilkendorfer schon Tradition. Und es fällt auf, wenn dieses Signal womöglich einmal wegen einer Reparatur ausbleibt.

Märkische Onlinezeitung vom 25. September 2016

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