Heike Weißapfel

Damit Bach noch wohltemperierter klingt

Stolpe (OGA) Die Stolper Orgel ist auch nach mehr als 150 Jahren noch ein klangvolles Instrument. Doch jetzt ist sie mit Instandhaltungsarbeiten an der Reihe. Dafür hat die Kirchengemeinde Geld angesammelt und gespart, und der Gemeindekirchenrat hofft außerdem auf Zuschüsse.

Der Blick auf den Orgelprospekt von unten: Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrats, Wolfgang Scheibe (links) und Kantor Christian Ohly hoffen, dass das klangstarke Instrument bald gewartet und repariert werden kann.
© MZV

"Aussetzer hat sie nicht, und im Gottesdienst hatte ich auch noch nie einen Hänger." Kantor Christian Ohly sagt das so, als müsse er die Orgel gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, sie verweigere ab und zu den Dienst. "Nein nein", winkt der Gemeindekirchenratsvorsitzende Wolfgang Scheibe fast beschwichtigend ab und fügt hinzu. "Unsere Orgel ist uns teuer und wertvoll."

Sie ist klein, aber fein, die einmanualige Lange/Buchholz-Orgel in der Stolper Dorfkirche. 1859 wurde sie eingebaut, für insgesamt 576 Taler. "Im Prinzip klingt Bach auf dieser Orgel heute immer noch genauso wie vor 150 Jahren", sagt Ohly. "Das ist doch faszinierend." Für die Region ist die Lange/Buchholz-Orgel auch deshalb wertvoll, weil sie die einzige erhaltene ihrer Art in der Umgebung ist. "Jede Orgel hat ihre eigene Handschrift", erläutert der Kantor. Eine Besonderheit des Orgelbauers Carl August Buchholz seien seine keilförmigen Schleifen, dünne Holzleisten, die die Luftzufuhr zwischen Windlade und Pfeifen für ein ganzes Pfeifenregister öffnen oder schließen und eine technische Verbesserung darstellten.

Dabei wären gelegentliche Hänger - also Töne, die nicht mehr aufhören - und Aussetzer - Töne, die gar nicht erst erklingen - nicht ehrenrührig für das Instrument, sondern ein Zeichen dafür, dass die letzte Wartung schon ein wenig zu lange her ist. Und das ist der Fall: Die Orgel müsste wieder einmal entstaubt und gereinigt werden. Deshalb hat der Gemeindekirchenkreis entschieden, zu investieren. Mithilfe eines Orgelsachverständigen wurden drei Angebote von Fachleuten bereits vor einem Jahr eingeholt. Einen zugehörigen Finanzierungsplan hat der Gemeindekirchenrat in der vergangenen Woche einstimmig beschlossen.

Dass das Instrument staubig wird, kommt unter anderem daher, dass das 1940 eingebaute, elektrisch betriebene Gebläse seinen Platz nicht im Orgelgehäuse selbst hat, sondern auf dem Dachboden. So wird Staub mit in die Orgel geblasen. Auch das soll geändert werden, indem das Gehäuse mit in den Orgelschrank verlegt wird. Der Blasebalg soll dann auch mit Fußkraft bedienbar sein. Ein paar "unechte" Pfeifen stehen auch im Gehäuse. 1917 waren die Prospektpfeifen, die aus "Orgel-Metall", einer Zinn-Blei-Legierung bestanden, zu Kriegszwecken ausgebaut worden. Sie wurden ebenfalls 1940 als Zinkpfeifen nachgebaut, sollten nun aber auch ausgetauscht werden.

1983 gab es bereits eine größere Reparatur, und 1992 kamen auf Initiative von Pastorin Renate Vogel und dem Kantor Manfred Schlenker 40 000 DM für Instandhaltungsarbeiten zusammen. Etwa alle 20 Jahre ist eine Reinigung nötig. "Die Zeit ist also reif, und alles ist gut durchdacht", sagt Wolfgang Scheibe. "Die Hälfte haben wir schon sicher." 29 000 Euro würden insgesamt gebraucht. Eigenmittel bringt die Kirchengemeinde aus Konzerten und sonstigen Spenden auf. Der Gemeindekirchenrat hat an die Stadt einen Antrag auf eine Zuwendung in Höhe von 5 000 Euro aus dem Haushalt gestellt. Bei der Mittelbrandenburgischen Sparkasse hat er um eine Spende gebeten und ein weiterer Teil kommt aus dem Orgelfonds des Kirchenkreises Berlin Nord-Ost hinzu. Denkmalrechtlich ist die Instandhaltung und -setzung bereits bewilligt. Die kirchenrechtliche Genehmigung wird erteilt, wenn die Mittel da sind. Scheibe ist optimistisch. Wenn alles klappt, kann der Auftrag noch dieses Jahr erteilt und die Orgel nächstes Jahr repariert werden.

Christian Ohly ist seit 2006 Kantor in Stolpe und kennt seine Orgel genau. "Sie klingt schön", sagt er. Wenn er selbst darauf Johann Sebastian Bachs Präludium in G-Dur spielt, fliegen die Klänge nur so durch das Kirchenschiff und die Zuhörer versinken sofort in entrückte, ferne Welten. Würden Laien nach der Wartung überhaupt einen Unterschied hören? Ohly überlegt. Vielleicht nicht jeder. Zum einen gibt es Orgel-Musikliebhaber, die zu unterscheiden wissen. Zum anderen würden Orgelspieler, beispielsweise Gastmusiker, ein sehr gutes Instrument in der Stolper Kirche vorfinden, und die Kirchengemeinde müsste die Peinlichkeit eventueller Hänger und Aussetzer nie fürchten.

"Auf jeden Fall würden wir mehr Konzerte anbieten, bei denen Orgelmusik gespielt wird und vielleicht auch mehr im Vordergrund steht", sagt Christian Ohly, der auch Mitorganisator der weithin bekannten und beliebten Stolper Abendmusiken ist. "Jetzt haben wir die Orgel nur zurückhaltend eingesetzt. Das wäre dann ganz anders."

Märkische Onlinezeitung vom 20. September 2016

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