Thomas Berger

Der schiefe Turm von Rüdersdorf

Rüdersdorf (MOZ) Sie sind in aller Regel die ältesten Bauwerke in ihren Orten, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen der Region vor. Heute: Kalkberger Kirche.

Blick Richtung Chorraum: Pfarrer Ringo Effenberger weist auf die Kanzel und auch feuchten Stellen in den Raumecken, die aus einem damaligen Planungsfehler des Architekten resultieren.
© Thomas Berger

Es ist mehr als die normale Bindung an einen Arbeitsplatz: Rüdersdorfs Pfarrer Ringo Effenberger und die Kalkberger Kirche teilen gleich noch zwei Gemeinsamkeiten. An einem 18. November, der auch sein Geburtstag ist, wurde sie damals feierlich in Dienst genommen. Und von 1965 wiederum, seinem Geburtsjahr, stammt die Orgel. Die allerdings bereits gebraucht aus Leverkusen nach Rüdersdorf kam. "Ein kleines Wunder" sei das gewesen, dass sie 2005 in nur einem Jahr seit der ersten Anfrage erworben und umgesetzt werden konnte.

Das Vorgängerinstrument war irreparabel beschädigt, als am 21. April 1945 Teile des Kirchturms in die Tiefe stürzten, das Dach über dem Kirchenschiff durchschlagend. Umfangreich waren die Schäden durch den Artilleriebeschuss der Roten Armee in der letzten Kriegsphase, auch die Emporen wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Mehrere Jahre konnten die Gottesdienste nur provisorisch in einem Verschlag unter der Hauptempore abgehalten werden, bevor in den 1950ern ein Wiederaufbau der zerstörten Bereiche erfolgte.

"Exakt 50 Meter bis zur Spitze misst der Turm", erklärt Pfarrer Effenberger - abseits der Industrieanlagen das mit Abstand höchste Gebäude im Ort. Eine mächtige Hallenkirche im Stile der Neogotik, errichtet in 48 Monaten Bauzeit. 1873, eben am 18. November, fand dann der Festgottesdienst zur Einweihung statt. Und es war vor allem dem damaligen Pfarrer, Prediger Thyszka, zu verdanken, der sich maßgeblich für das Projekt eingesetzt hatte. Kalkberge wurde gewissermaßen zur Bergarbeiter-Kirche - das traditionelle Gotteshaus in Alt-Rüdersdorf hatte nicht länger ausgereicht, platzte aus allen Nähten, so dass ein Neubau an dieser Stelle auf extra dafür von der Gemeinde erworbenem Land unumgänglich war. Erste Entwürfe datieren von 1858, Baubeginn war dann im August 1869, und die Kosten beliefen sich auf 85 116 Reichsmark. Alle Unterlagen mit solchen Angaben sind bis heute im Büro der Kirchengemeinde vorhanden.

Kalkberge ist damit eine der jüngsten Kirchen der Region, hat aber nicht nur mit den Kriegsschäden Mitte des 20. Jahrhunderts schon viel durchgestanden. Schon 1882, keine zehn Jahre nach Indienststellung, gab es einen Blitzeinschlag, bei dem die Kreuzblume vom Turm das Kirchendach durchschlug. Nur zwei Jahre später wurde wiederum das Dach bei einem Sturm komplett abgedeckt, erst 1893 waren alle Reparaturen abgeschlossen.

Drei Bochumer Gussglocken hängen als Geläut im Turm, sie erklangen bei der Einweihung damals zum ersten Mal. Der Entwurf des Kirchenbaus stammte damals übrigens von Friedrich August Stüler, der vier Jahre vor Baubeginn verstarb. Er, einer der begabtesten Schinkel-Schüler, zeichnet denn auch für das 15 Meter hohe Kirchenschiff verantwortlich, das den großen Innenraum schafft, in dem der Schall ganze vier Sekunden von einer Seite des Raumes zur anderen braucht. Dass sich der Turm mittlerweile sichtbar etwas nach Norden neigt, hänge mit langjährigen Witterungseinflüssen zusammen, möglicherweise verstärkt durch Sprengungen im Tagebau, als dieser an die Straße der Jugend heranrückte.

In den frühen 1990er-Jahren erfolgte eine Hüllensanierung des Turms. Noch einmal umfassende Bauarbeiten folgten dann 2009 bis 2012, als das Hauptdach neu eingedeckt wurde. Ein großer Brocken für die Kirchengemeinde, erinnert sich Effenberger, denn aus ersten Schätzungen einer Firma in Höhe von 35 000 Euro wurde nach Bestandsaufnahme aller Schäden an den Balken des Dachstuhls am Ende mit 340 000 Euro fast das Zehnfache.

Märkische Onlinezeitung vom 08. September 2016

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