Thomas Berger

Barockbau auf alten Grundmauern

Fredersdorf-Vogelsdorf (MOZ) Sie sind in aller Regel die ältesten Bauwerke in ihren Orten, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen der Region vor. Heute: Dorfkirche Fredersdorf.

Ein "Theatervorhang" und der Platz des Predigers in den Altar integriert: Pfarrer Rainer Berkholz kann rund um den barocken Kanzelaltar gleich auf mehrere sehr spezielle, im Fall der Draperie sogar in der Region einzigartige Aspekte hinweisen.
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Kirche Fredersdorf, 1710 erbaut
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Podewils-Mausoleum (1780 ergänzt) neben der Fredersdorfer Kirche
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Bühne frei: Diese Assoziation drängt sich für denjenigen auf, der das Innere betritt und mit seinen Blicken gleich in Richtung des Altars gelenkt wird. Denn nicht nur dieser, prägendstes Stück der Ausstattung, ist schon für sich genommen äußerst sehenswert. Auffällig ist auch an der Wand im Hintergrund der aufgemalte Vorhang, der an ein Theater erinnert. Mit der Draperie in dieser Art ist die Fredersdorfer Kirche weithin einzigartig, weiß Rainer Berkholz. Dennoch war solche Art der Verzierung zur Bauzeit des Gebäudes nicht ganz unüblich. "Erst im Zuge der Sanierung ist diese schon bald nach der Indienststellung der Kirche bereits übermalte und völlig in Vergessenheit geratene Malerei wiederentdeckt worden. Und es gab lange Diskussionen im Gemeindekirchenrat, ob man das freilegen sollte oder nicht", berichtet der Pfarrer.

Am Ende entschied man sich dafür. Und am stärksten entfaltet dieses besondere gestalterische Element aus der Anfangszeit seine Wirkung, wenn man von der Orgelempore schräg abwärts nach vorn schaut.

Fertigstellung 1710 - damit gehört die Fredersdorfer neben denen in Petershagen, Vogelsdorf und Eggersdorf zu den jüngsten evangelischen Kirchen in der Region. Ein Barockbau, der aber sonst vergleichsweise schlicht gehalten ist. Gerade deshalb kann der Kanzelaltar mit dem Gekreuzigten auf der Spitze, der als Erdball gestalteten Taube im "Himmel" über dem zentralen Platz des Predigers und dem Bildnis des Lazarus ganz unten seine volle Pracht so stark entfalten. Vor allem Pfingstmotive finden sich in Fredersdorf, kann Rainer Berkholz nicht nur am Altar, sondern auch an der Orgelempore verdeutlichen, wo in sechs etwas nachgedunkelten Bildtafeln die Passionsgeschichte erzählt wird.

Die Goertzkes als damalige Gutsherren und Patronatsfamilie hätten sich vielleicht einen noch größeren Bau leisten können. Doch die neue Kirche entstand auf den Grundmauern der im Dreißigjährigen Krieg (1633) zerstörten Vorgängerin in genau den gleichen Abmaßen. Architekt war der Niederländer Maesig van der Bercken, auf den wohl auch das Fredersdorfer Schloss zurückging. 1707 starteten die Bauarbeiten: Dem Turm mit der Goertzke-Gruft als erster Teil folgte 1708/09 das Langhaus.

Ein Stück ist sogar noch deutlich älter als die Kirche selbst: Aus dem 13. Jahrhundert stammt eine der zunächst zwei Glocken. Die Kriegszerstörungen 1633 hatte auch die andere, von 1594 datierend, noch überstanden. Sie wurde aber 1942 im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen - und als 1960 Ersatz aus Stahl kam, in Apolda gegossen, wurde das Geläut gleich auf drei Glocken erweitert. Die Turmuhr wiederum, 1990 saniert, geht (1868 oder 1873 installiert) auf den Berliner "Wurstkönig" Verdries zurück, dem das Gut inzwischen gehörte.

Eine Luftmine am 18. November 1943 beschädigte die Kirche schwer, deckte unter anderem komplett das Dach ab und zerstörte alle Fenster. Um wenigstens das wertvolle Innere wie den Kanzelaltar zu schützen, wurde umgehend eine Notsicherung durchgeführt, die richtigen Arbeiten an Dachstuhl und neuer Eindeckung mussten bis 1951 warten. Auch später wurde zu DDR-Zeiten allerhand an Einzelmaßnahmen getan. Die umfassende Sanierung, die das heute wieder strahlende Gesamtbild des Ensembles im Ortszentrum schuf, fand 2000 bis 2002 statt.

Einschließlich des Podewilsschen Mausoleums, das 1780 neben die Kirche gesetzt worden war und dessen Innere noch zugänglich ist - anders als die Goertzke-Gruft in der Kirche. Dass sie zugemauert wurde, war eine Reaktion auf den Vorfall, als in den 1980er-Jahren Betrunkene aus der benachbarten Dorfkneipe (heute Apotheke) in das Familiengrab eingestiegen waren. Zwei Volkspolizisten brachten dem damaligen Pfarrer Dieter Kromphardt kurz darauf in einer Plastiktüte "eine Hand und einen Kopf", als Diebesgut in einem Vorgarten aufgefunden, zurück. Da blieb statt immer neuer Schlösser nur das Zumauern.

Märkische Onlinezeitung vom 25. August 2016

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