Hans Still

Den Sophienstädtern bleibt die Zeit stehen

Sophienstädt (MOZ) Die Dorfkirche von Sophienstädt zählt mit ihrem neobarocken, geschweiften Turmdach zu den schönsten Gebäuden im Ort. Doch seit zwei Wochen bleibt den Einwohnern die Zeit stehen. Die Kirchturmuhr zeigt 24 Stunden lang 12.03 Uhr an. Die Suche nach den Gründen offenbart ein schwere Hypothek.

Die Orgel: Der Eberswalder Orgelbauer Albert Kienscherf erschuf das Instrument 1914. Es ist fast original erhalten.
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Engagiert sich für die Kirche: Anita Bauermeister verweist auf die wertvolle Bemalung in der Kirche, die allerdings Fehlstellen aufweist.
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Funktionstüchtiges Uhrwerk: Das Foto lässt den Staub erkennen, der seit Jahrzehnten im Gebälk lagert. Er ist giftig und gefährlich. Darum wird die Uhr nicht mehr aufgezogen.
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Großer Name: Bauherr der Kirche war der Architekt Georg Büttner (18581914).
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Geläut: 1897 wurden zwei Glocken geweiht, eine fehlt heute.
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"Der Ort Sophienstädt hält den Atem an, seitdem das Herz der Kirche nicht mehr schlägt", werden die Leser des Blattes "Kleiner Kirchenbote" in wenigen Tagen schwarz auf weiß zur Kenntnis nehmen müssen. In einem kurzen Beitrag klärt Anita Bauermeister dann über den Zustand der vor 102 Jahren von Architekt und Baumeister Georg Büttner gestalteten Dorfkirche auf. Der Zustand ist, trotz der äußerlich so kraftvollen und ansehnlichen Erscheinung, eher als stark sanierungsbedürftig einzuschätzen.

Völlig unbekannt war das nie, schließlich konnte jeder die Schäden im Inneren der Kirche erkennen. Der Putz an den Wänden weist Löcher auf, er fällt ab, weil Feuchtigkeit von außen eindringen konnte und dem Mauerwerk seitdem zusetzt. Auch die wertvolle Bemalung benötigt dringend eine Auffrischung, wie Anita Bauermeister aufzeigt. "Die Bemalung ist insgesamt noch sehr reichhaltig erkennbar. Aber es gibt regelrechte Fehlstellen, an denen die Farbe fehlt. Das muss aufgearbeitet werden und erfordert sehr fachkundige Arbeit."

Ebenfalls ins Auge fallen die Risse in Gemäuer, die leider immer größer werden. "Wir müssen etwas tun", schlussfolgert Anita Bauermeister und setzt ihre Schilderung über die baulichen Problemzonen fort. Da ist beispielsweise der Außenanbau, der die Umluftheizung beherbergt. Die Heizung ist mittlerweile völlig defekt, an eine Reparatur nicht zudenken. Auch das Außengebäude hat nach Undichtigkeiten Schaden genommen. In der Kirche erfordert die Beleuchtung eine Erneuerung, ebenso die alten Bahnheizkörper unter den Sitzbänken, die teilweise schon Rost ansetzen und insgesamt viel zu viel Strom fressen.

Die Achillesferse und letztlich der Grund für die auf 12.03 Uhr stehende Turmuhr ist das Gebälk im Turm. Seit wenigen Wochen liegt ein Holzschutzgutachten vor. Das Ergebnis ist niederschmetternd. "Das Gebälk ist leider hoch kontaminiert, denn es wurde in den 80-er Jahren mit Holzschutzmittel imprägniert, das heute als hoch krebserregend gilt. So kommt es, dass der Staub im Glockenturm und in der Etage darüber hoch giftig und tödlich ist. Wer hinauf steigt und sich diesem Staub aussetzt, der riskiert seine Gesundheit", klärt Anita Bauermeister über die Gefahren auf. Bekannt wurde all dies erst kürzlich bei einer Zusammenkunft mit der Architektin Bettina Krassuski, die die bevorstehende Sanierung fachlich begleiten wird. Auch der Holzgutachter war zugegen, er sprach den Rat aus, den Glockenturm nur mit Schutzanzug und Staubmaske zu besteigen. "Da haben wir gesagt, Sicherheit und Gesundheitsschutz gehen vor", erinnert die 79-jährige Anita Bauermeister und kommt auf die Turmuhr zu sprechen. "Die müsste einmal wöchentlich aufgezogen werden. Aber davon nehmen wir jetzt Abstand, wegen der Gefahren dort oben."

Karsten Müller ist der Name des jungen Einwohners, der bislang das Aufziehen der Turmuhr übernommen hatte. Er wird möglicherweise mehrere Jahre lang warten müssen, bis er endlich wieder in den Kirchturm steigen kann. "Ich Gebälk wurde zu DDR-Zeiten Hylotox 59 verarbeitet, und da heißt es, größte Vorsicht walten zu lassen", bestätigt Architektin Krassuski.

Das Gebälk soll eine Sandstrahlbehandlung erfahren, dazu müssen die Biberschwänze herunter genommen werden. Anschließend geht es unterm Dach mit der Sanierung weiter. "Die sensible denkmalgerechte Restaurierung wird eine längere Zeitspanne in Anspruch nehmen. Daher sind wir auf hilfreiche Sponsoren, große und kleine Gaben und ein großes Durchhaltevermögen aller Beteiligten angewiesen", gibt Anika Bauermeister zu bedenken. Sie hofft auf große Solidarität, um das Vorhaben gelingen zu lassen. Der Baubeginn liegt im kommenden Jahr.

Märkische Onlinezeitung vom 10. August 2016

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