LICHTERFELDE

Wie dieser Mann für den guten Zweck pilgert

Von Katrin Starke

Wie einst die Mönche will Andreas Lust auf Tour gehen, um Geld für die Feldsteinkirche im Dorf zu sammeln. Mit dabei: drei Esel.

Andreas Lust, sein Sohn Benjamin und Esel Carlos
Foto: Katrin Starke

"Schick", ruft eine Radfahrerin dem Mann hinterher, der in heller Leinenkutte und mit Jesuslatschen an den Füßen die Dorfstraße in Lichterfelde (Teltow-Fläming) entlangspaziert. Andreas Lust lacht, aber lässt sich nicht aufhalten. Bevor der 44-Jährige am heutigen Freitag um 9 Uhr nach einem Gottesdienst seine Pilgertour beginnt, möchte er die neuen Sandalen aus Leder gut einlaufen. Immerhin will er mit denen binnen drei Tagen gleich 60 Kilometer auf Wiese, Schotter und Asphalt zurücklegen immer Richtung Norden, bis nach Rangsdorf. Sein Sohn Benjamin (12) und drei grau melierte Esel sollen ihn begleiten.

Der Weg des Pilgers führt an 17 Kirchen vorbei

Nicht um sich selbst etwas zu beweisen, plant er die Aktion. Sondern für den guten Zweck. Mit dem Klingelbeutel will er sich auf den Weg machen, unterwegs in 17 Kirchen vorbeischauen. Um Geld zu sammeln, damit die Feldsteinkirche der Gemeinde Niederer Fläming in seinem Dorf ein neues Dach bekommt, damit der seit den 70er-Jahren mit Asbestplatten vernagelte Kirchturm saniert werden kann. Ein Gutachten beziffert die Kosten dafür auf 250.000 Euro.

Zuallererst soll das Chordach der im 13. Jahrhundert erstmals erwähnten Kirche neu gedeckt werden. 8000 Euro veranschlagt die beauftragte Handwerksfirma dafür, will im August mit den Arbeiten beginnen. "Die Summe bringe ich mit meiner Pilgertour zusammen", ist Lust überzeugt. Den einstigen Mönchen aus dem nahe gelegenen Jüterbog will er es gleichtun. Die schwärmten seinerzeit aus, um das nötige Geld für den Bau des Klosters zu beschaffen "und waren erfolgreich", sagt Lust anerkennend. Ein Großteil der Klostergebäude habe über diese Sammelaktion vor mehr als 500 Jahren finanziert werden können. "Das spornt mich an."

Neue Heimat Lichterfelde

Lust selbst ist nicht kirchlich gebunden. Aber seine Kinder hat er vor einigen Jahren taufen lassen, den Taufengel für die Kirche seines Wahlheimatdorfes gestiftet. Dass nur noch wenige die Gottesdienste in Lichterfelde besuchen, hat ihn nicht weiter beschäftigt. Das aus klobigen grauen Steinen gemauerte Gotteshaus war für ihn schon immer eher ein Ort, um sich auszutauschen. Eine Adresse, an der man sich verabredet, weil sie jeder kennt "und die deshalb umso wichtiger ist".

Als der Pfarrer die Gemeinde vor sieben Jahren darüber informierte, dass die Kirche einsturzgefährdet sei und das Bauamt sie binnen zwei Jahren schließen wolle, war das nicht nur für Andreas Lust eine Hiobsbotschaft. "Einen Förderkreis zu gründen, war eine Möglichkeit, die Kirche zu retten", erzählt Frederik van der Kooi. Der niederländische Opernsänger, der seit den 70er-Jahren in Deutschland lebt und zehn Jahre lang bei den Bayreuther Festspielen sang, hat im Dorf Lichterfelde eine neue Heimat gefunden.

Das Angebot: Ein Säckchen Weizen für eine Spende

Jetzt steht der 73-Jährige dem Förderverein mit 33 Mitgliedern vor, Lust ist sein Vize. "Einer, der alles stemmt", sagt van der Kooi neidlos. So auch diese Pilgerreise auf die Lust nicht mit leeren Händen geht. "Man muss etwas geben, um etwas zu bekommen", sagt er. Im Vorjahr hat der Familienvater das kleine Weizenfeld auf seinem Hofacker abgeerntet. "Das Feld ist mein Hobby, bei der landwirtschaftlichen Arbeit kann ich gut entspannen", sagt Lust, Vertriebsleiter bei einer Spielgerätefirma.

Fünf Zentner Weizen hat er zusammenbekommen. Den füllt er gerade ab in neun mal 13 Zentimeter große Säckchen aus weißem Baumwollstoff genäht von Menschen aus der Region, die er für sein Projekt begeistert hat. "Mittlerweile haben wir schon mehr als 300 Beutel." Die will er verschenken und hofft auf ein paar Euro als Dank. "Wer den Weizen aussät, ihn im Jahr drauf erntet und das Korn erneut aussät, hat in zehn Jahren das Startkapital für eine eigene Bäckerei beisammen", witzelt er, "wir geben mehr, als wir bekommen."

Esel entscheiden das Tempo

Tragen muss er sein Gepäck nicht selbst: Die Last nehmen ihm die Vierbeiner ab, mit denen Lust in Lichterfelde aufbricht. Denn: "Keine Pilgerreise ohne Esel." Auf die Idee hat Lust der dreijährige Zwergesel Carlos seines Nachbarn gebracht. Nur sei Carlos leider kein Tier, das man fürs Wandern begeistern könne, gibt dessen Besitzer Frank Dümichen unumwunden zu. Daher wird nun Jan Prowaznik, der einen Eselhof in Brück betreibt, aushelfen und seine drei Esel mit Lust auf die Reise schicken. Ob die Tiere immer so wollen, wie Lust sich das vorstellt, kann Prowaznik aber nicht garantieren: "Die entscheiden selbst, wann sie gehen und in welchem Tempo", prophezeit der Eselvater.

Lust hat vorgesorgt, wird Hängematten und Überwurfplanen dabeihaben. "Wild zelten ist in Deutschland verboten, Biwakieren aber erlaubt", hat er sich kundig gemacht. Seine Etappen will Lust mit dem Handy festhalten, die Fotos jeweils aktuell ins Internet stellen. "Das Projekt soll die Region verbinden. Ich wünsche mir, dass sich jedes Dorf für seine Belange engagiert."

Mehr Infos: www.lichterfelde-dorfkirche.de

Berliner Morgenpost vom 29. Juli 2016

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