Roland Becker

Überraschend hell und warm - die Kirche Nieder Neuendorf

Nieder Neuendorf (HGA) Noch hat den Schatz kaum jemand zu Gesicht bekommen: In frischen Farben und mit dem sogenannten Blauen Fenster im Altarraum erstrahlt Nieder Neuendorfs Kirche nun auch im Inneren wieder in alter Pracht. Am 26. Juni wird es aus diesem Grund ab 14 Uhr einen Festgottesdienst geben.

Wohin der Blick auch geht: Das Gotteshaus zeigt sich von Kopf bis Fuß in neuem Glanz. Pastorin Barbar Eger (hinten) und Iris Tentscher vom Gemeindekirchenrat sind zufrieden.
© MZV

Pastorin Barbara Eger war skeptisch. Sehr skeptisch. Hatte sich doch die Denkmalpflege darauf festgelegt, dass die Kirche in den Farben gestaltet werden soll, mit denen sie in den 1920er-Jahren ausgestattet worden war. "Als ich den Entwurf sah, war ich sehr erschrocken. Früher hatte der Sockel so ein komisches Braun gehabt, und oben wirkte die Farbe gräulich - in doppelter Hinsicht. Es war schwer, sich darauf zu freuen."

Fünf Monate später zieht ein zufriedenes Lächeln über Egers Gesicht, wenn sie einem Besucher den neuen Kirchenschatz zeigt: "Das ist jetzt ein nahezu gelblicher Farbton, der angenehm warm wirkt", stellt die Pastorin fest. Vor allem aber freut sie sich über den Blickfang im Altarraum. Gleich von der Eingangspforte aus fällt der Blick durch das Kirchlein auf das wiedererstandene Blaue Fenster, an das sich nur noch alte Nieder Neuendorfer erinnern können. Natürlich handelt es sich nicht um richtiges Glas, sondern um die mit kunstvoller Ornamentik versehen Silhouette eines Fensters.

Die insgesamt eher zurückhaltende Schönheit, die auch zu dem aus Back- und Feldstein bestehenden Äußeren passt, hat ihren Preis. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. "Als mir Pfarrer Haff 2008 die beiden Ordner zur Innensanierung mit den Worten "Das ist Ihre Aufgabe!' übergab, lag die Kostenschätzung bei 80 000 Euro", erinnert sich Eger. Mittlerweile hat sich diese Summe fast verdoppelt. Allerdings konnte sich die 750 Christen zählende Gemeinde einige zusätzliche Schmankerl leisten. So wurde der Ausbau der Orgel genutzt, um die Pfeifen reinigen zu lassen. Die Sitzbänke verfügen jetzt über eine Heizung, und die älteren Gottesdienstbesucher können sich über die Lautsprecheranlage freuen.

Es dürfte kein Bauvorhaben geben, das nicht voller Überraschungen steckt. Erst recht nicht bei einer über 500 Jahre alten Kirche. "Als an einer Stelle Gipsputz bröckelte, stießen wir auf lose Ziegelsteine, dahinter war ein Loch", erinnert sich die Theologin. Wie sich herausstellte, war dies der Schornstein für einen Ofen, der einst den sonntäglichen Kirchenbesuchern Wärme spendete. Horst Brandenburg, Gemeindemitglied und Stadtverordneter, habe sich noch daran erinnern können, als Kind diesen Ofen gesehen zu haben. Jetzt stecken in diesem Loch einige Flaschen Wein und ein paar zeitgenössische Dokumente. Wer jemals diese Stelle wieder öffnet, kann sich also freuen - falls es sich um einen guten Wein handelt.

Für eine eher kleine Kirchengemeinde wie die Nieder Neuendorfer ist das zweite Bauprojekt binnen zehn Jahren durchaus eine Herausforderung. Dass die bewältigt wurde, verdankt die Pastorin auch der unermüdlichen Hilfe einer ganzen Reihe von Gemeindemitgliedern. Dazu zählt Gerhard Puhlmann, der wohl älteste gebürtige Nieder Neuendorfer. Er stellte für die Bauphase seine Stallungen zur Verfügung, um die Kirchenbänke dort unterzustellen. Das war ausgesprochen praktisch, liegt doch Puhlmanns Hof gleich vis-à-vis der Dorfkirche.

Bei fast jeder Baubesprechung mit von der Partie war Iris Tentscher, die im Gemeindekirchenrat als Baubeauftragte fungiert. Dabei hat sie ein durchaus kritisches Auge entwickelt. Als sie am Tag vor der Bauabnahme, die für Mittwoch dieser Woche vorgesehen war, die Kirche inspiziert, stellt sie fest: "Da gibt es aber noch einiges zu regeln und anzusprechen."

Auch wenn an der einen oder anderen Stelle noch ein Pinselstrich gesetzt werden muss, ist der Termin für den Festgottesdienst bereits sicher. Am 26. Juni wird Superintendent Martin Kirchner predigen. Bis dahin soll die Spannung möglichst gehalten werden, indem die Pforte verschlossen bleibt. Nur eine Ausnahme gestattet Barbara Eger. Am 24. Juni wird ein kleiner Junge getauft. Weil es einfach so gut passt. Der 24. Juni ist nämlich der Johannistag, der an die Geburt Johannes des Täufers erinnert. Auf diesen Namen wird das Baby getauft.

Märkische Onlinezeitung vom 02. Juni 2016

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