Mandy Timm

Ein zweites Leben für die Dinse-Orgel

Neulietzegöricke (MOZ) Die Verträge sind unterschrieben: In wenigen Wochen beginnt nun die lange geplante Sanierung der Dinse-Orgel. Rund 40 000 Euro kostet die Instandsetzung. Wenn nichts dazwischenkommt, werden die Orgelbauer Ende des Jahres fertig sein.

Orgel ohne Spiel: Die Dinse-Orgel in Neulietzegöricke bleibt schon länger stumm. Das Instrument von 1845 ist stark sanierungsbedürftig. In wenigen Wochen beginnt die Orgelwerkstatt Scheffler mit dem Ausbau der Einzelteile und der Rekonstruktion.
© MOZ

Der einst mächtige Klang, war zuletzt nicht mal mehr ein leises Stimmchen. "Das Instrument ist ziemlich angeschlagen", sagt Martin Schulze, Organist und Orgelsachverständiger im Kirchenkreis. Zuletzt hatte er vor einem halben Jahr versucht, der Neulietzegöricker Orgel schöne Töne zu entlocken. Vergebens. Inzwischen schweigt das Instrument ganz. Höchste Zeit für die Sanierung.

Für die hat die Kirchgemeinde lange gespart. Seit 2011 ganz genau. Damals war die Sanierung des Gotteshauses abgeschlossen (Dorfkirche des Monats April 2010), erzählt Gisela Sommer von der Kirchengemeinde. Fünf Jahre sparten schon die Neulietzegöricker im 19. Jahrhundert für ihre Orgel. Damals, 1840, war der Kirchbau fertig. 1845 erklang zum ersten Mal der besondere Dinse-Klang in dem Oderbruch-Dorf. "Wir wollten, dass sich die Geschichte noch einmal wiederholt", sagt Gisela Sommer. Dass es jetzt tatsächlich so kommt, freut sie besonders.

Denn: Die Sanierung der Orgel "Lang und Dinse" steht kurz bevor. Die Verträge mit der Sieversdorfer Orgelwerkstatt Scheffler sind abgeschlossen. Spätestens am 25. Juli soll der Ausbau der Einzelteile erfolgen. Womöglich sogar schon etwas früher. Saniert werden muss so ziemlich alles an dem 170 Jahre alten Instrument. Etliche Orgelpfeifen fehlen inzwischen, Register stecken fest. Der Holzwurm macht der Orgel zu schaffen. Rund 40 000 Euro wird die Sanierung wohl kosten. Neben der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Lübbering-Stiftung, der Sparkasse Märkische-Oderland, dem Förderkreis Alte Kirchen und etlichen Musikern, die mit ihren Benefizkonzerten zugunsten der Orgel spielten, spendeten auch zahlreiche Touristen und Einheimische für das Dinse-Instrument.

Gisela Sommer blickt zufrieden auf die Empore. "Wenn nichts dazwischen kommt", sagt sie, "dann ist die technische Fertigstellung Ende des Jahres abgeschlossen." Danach erst wird aus der Musik-Maschine die eigentliche Orgel - und zwar mit der Intonation, der Feinabstimmung der Töne. Der Experte, mit dem die Firma Scheffler zusammenarbeitet, ist allerdings ein gefragter Mann. "Es könnte sein, dass er erst Anfang 2017 der Orgel ihre Seele einhauchen kann", sagt Gisela Sommer.

Die Neulietzegöricker Dinse-Orgel musste nach dem Krieg mit etlichen Provisorien auskommen. Immerhin ist es ein großes Glück, dass es sie überhaupt noch gibt. Denn fast hätte eine Granate sie zerstört. Wo sie einschlug, klafft noch heute eine Riesenwunde. Der Einschlag fetzte viel Holz weg bevor die Granate im Orgelkasten stecken blieb. Das Instrument verstummte so gut wie.

Vielleicht ist die Neulietzegöricker Orgel ein gutes Beispiel dafür, dass noch Zeichen und Wunder geschehen: Denn ein Cottbusser Orgelbauer hauchte ihr wieder Leben ein und das zu einer Zeit als Material fehlte und Geld sowieso. Es war 1955, als ein neuer Pfarrer ins Dorf kam, Ulrich Ebeling hieß er. Ein leidenschaftlicher Orgelspieler. "Nicht nur das Gotteshaus war in einem traurigen Zustand", schrieb seine Gattin Waldtraud später. "Innen wie außen. Besonders traurig war mein Mann darüber, dass die Orgel nur klägliche Töne von sich gab." Was also tun? Mit einem Brief wandte sich Pfarrer Ebeling an einen Orgelbauer, den er kannte und der inzwischen Rentner war. Er bat mit vielen Zeilen um Hilfe, verschwieg aber auch nicht, dass die Gemeinde kein Geld zur Bezahlung hatte. Wider Erwarten tauchte "Papa Klenke", wie die Pfarrersfrau ihn nannte, tatsächlich eines Tages im Dorf auf - mit einem Rucksack und Brettern bepackt. Er blieb drei Monate lang, zog in ein Stübchen im Pfarrhaus ein und setzte die zerstörte Orgel wieder in Gang. Bis heute hielten die vielen Provisorien des "Papa Klenke". Die Orgelwerkstatt Scheffler stellte bei der Begutachtung Register und Pfeifen aus den 50er-Jahren fest.

Für Gisela Sommer und die gesamte Kirchgemeinde geht mit der Dinse-Orgel-Sanierung ein langgehegter Wunsch in Erfüllung. Die Kirchenälteste ist gespannt, wie sie nach ihrer Rekonstruktion klingen wird. Denn den typischen Dinse-Klang, der der Orgel nachgesagt wird, haben in Neulietzegöricke bislang nur die Wenigsten mit ihren eigenen Ohren zu hören bekommen. Martin Schulze, der Orgelsachverständige und Orgelspieler aus Frankfurt (Oder), freut sich ebenfalls schon ungeduldig darauf, dass er dem Instrument statt den altersmüden Seufzern bald wieder richtige klangvolle Melodien entlocken kann.

Märkische Onlinezeitung vom 29. Mai 2016

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