Offene Kirchen im Havelland

Orte der Besinnung und Begegnung

Sie sind üppig barock oder preußisch schlicht: 55 Kirchen des Havellandes beteiligen sich in diesem Jahr an der Aktion „Offene Kirchen“. Sie sind vielbesucht an vielbefahrenen Straßen wie in Seeburg oder warten noch auf ihre Entdeckung wie in Wagenitz.

In der Dyrotzer Kirche wird am Sonnabend der Brandenburger Dorfkirchensommer 2016 eröffnet.
Quelle: Marlies Schnaibel
 
Pfarrer Olaf Schmidt in der Kirche Falkensee-Falkenhagen, die täglich geöffnet ist.
Quelle: Marlies Schnaibel

Havelland. Im vergangenen Jahr ist die Bibel gestohlen worden. Es ist die einzige negative Erfahrung, die die Seeburger mit der Aktion „Offene Kirche“ gemacht haben. Seit Jahren beteiligen sie sich daran, und das auf fast exzessive Weise. Denn ihre Kirche ist das ganze Jahr offen. Jeden Tag.

„Supper, supper, supper“ schreibt die kleine Angelina mit krakeligen Buchstaben ihre Begeisterung ins Gästebuch der Seeburger Kirche. „Danke für die Offenheit dieses heiligen Ortes“, formuliert es Gisela Ernst gediegener. Sie ist eine der vielen Besucher, die das Haus besucht haben.

Die Seeburger hatten 2002 nicht lange überlegt. Damals hatten sie ihre Kirche, die seit den letzten Kriegstagen 1945 als turmlose Ruine dastand, wieder aufgebaut. „Unser Architekt brachte die Idee der offenen Kirche mit, er kannte das von der Nordsee“, erinnert sich Otto Bolz, der viele Jahre den Gemeindekirchenrat von Seeburg leitete. Seitdem finden sich Frauen und Männer, die das Haus in der Früh auf- und abends wieder abschließen.

Die geografische Lage – an der L20 und in Berlinnähe – beschert ihnen besonders viele Besucher. Es kommen Leute, die auf den Fotos Vorfahren erkennen, die hier ihrer toten Eltern gedenken, wie Heinz Hartmann, dessen Vater im April 1945 bei Seeburg gefallen war. Es kommen Leute, die jahrelang vorbeigefahren sind, ehe sie einmal anhielten. Wie Dietrich von Ribbeck. „Wie oft bin ich an dieser schönen, kleinen Kirche vorbeigefahren“, schreibt er, dann hielt er an: „Sie ist wirklich wunderschön und ein Ort der Ruhe und Besinnung.“ Und es kommen Scharen von Radfahrern, die hier Halt machen. Im Gästebuch haben sie ihre Grüße hinterlassen.

„Diese Kirche ist eine der schönsten, die ich je gesehen habe“, schwärmt ein Besucher. Das ist ziemlich euphorisch formuliert, denn das Seeburger Gotteshaus ist eher schlicht ausgestattet. Das schmälert nicht die warme, sakrale Wirkung des Raumes. Aber wer schönere, üppigere, kulturhistorisch bedeutsamere Kirche sehen will, der muss weiterfahren.

Der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg hat in seiner diesjährigen Broschüre „Offene Kirchen 2016“ fast 1000 Adressen verzeichnet, allein 55 im Havelland. Nur wenige sind so richtig tagsüber offen – wie in Seeburg sind das die Kirchen in Ribbeck, Paretz und Zeestow, aber auch in Falkensee-Falkenhagen. Für die anderen sind in der Broschüre Ansprechpartner genannt, die den Kirchenschlüssel hüten, oder es gibt spezielle Öffnungszeiten wie in Tremmen am Wochenende und in Pessin sonntagnachmittags.

Die meisten der 55 Havelland-Kirchen sind auch in den Vorjahren dabei gewesen. Neu sind in diesem Jahr die Kirchen in Paaren im Glien und in Wagenitz. Nach Wagenitz kommt so mancher Besucher, der auf den Spuren von Fontane das Havelland erkundet. In der eher unscheinbaren Kirche hängt ein mit 2,80 mal 3,95 Meter großes, imposantes Familienbildnis des Hans Christoph von Bredow, das 1667 entstand. Es zeigt den Adligen mit seiner Gemahlin und seinen zehn Kindern und stellt eines der beeindruckendsten Beispiele für die stolze Selbstdarstellung des märkischen Adels der damaligen Zeit dar. Heute kümmern sich Kirchengemeinde und Förderverein um das Haus. Wer es besichtigen will, muss sich den Schlüssel holen oder besucht das Dorf am 22. Mai zum Museumstag oder im September zum Tag des offenen Denkmals.

Daneben öffnen viele Kirchen immer wieder ihre Tore zu Konzerten. So wird an Sonnabend der Brandenburger Dorfkirchensommer in der Dyrotzer Kirche, bekannt für ihre qualitätsvolle barocke Ausstattung, eröffnet. In Rohrbeck wird regelmäßig zu Sanierungskonzerten eingeladen. Am 1.?Mai wird es dort wieder soweit sein. Dann wird Chor- und Bläsermusik russischer Komponisten wie Tschaikowski, Glinka, Rachmaninow und Rimski-Korsakow gespielt. Am gleichen Nachmittag erklingt auch in der Falkenhagener Kirche von Falkensee Musik. „Musikschulen öffnen Kirchen“ heißt es, das Streichorchester „Saitenschwung“ der Musik- und Kunstschule Havelland und der Gemeindechor musizieren.

Von Marlies Schnaibel

Märkische Allgemeine vom 26. April 2016

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