Die Kirche von Liebenthal

Alle im Dorf hängen an ihr

Ihre heutige Kirche haben die Liebenthaler der Jagdfreude von Kaiser Wilhelm II. zu verdanken. Vor den Toren der Schorfheide wollte er ein besonder schönes Gotteshaus schaffen. Das ist ihm gelungen. Und das wissen auch die Dorfbewohner zu schätzen, die sehr an ihrer Kirche hängen. Bis heute ist im Inneren des Gotteshauses alles im Originalzustand.

Im Kirchenschiff stehen alles Originalstücke. Bei der Restaurierung in den 1990er-Jahren wurde die Wandbemalung erneuert.
Quelle: Fotos: Robert Roeske
 
Erika Grassow, Adelheid Antrick und Irma Westphal (v.?l.) erzählen, was sich in der Kirche alles abspielt.
Quelle: Robert Roeske
 
Im Kircheninneren dominiert dunkles Holz.
Quelle: Robert Roeske
 
Pfarrerin Barbara Fülle zeigt auf die Aufschrift „Anno 1794“.
Quelle: Robert Roeske
 
Der Backsteinbau steht mitten im Dorf. Rund um die Kirche findet das Erntedankfest statt.
Quelle: Robert Roeske

Liebenthal. Auf ihre Kirche lassen die Liebenthaler nichts kommen. „Wenn wir mal Hilfe brauchen, da packen alle mit an“, sagt Irma Westphal. Sie ist Mitglied im Gemeindekirchenrat, genau wie Adelheid Antrick. „Als die Kirche restauriert wurde, haben so viele Leute geholfen“, erzählt Irma Westphal. „Auch junge Männer, die gar nicht in die Kirche gehen, haben das Dach mit abgedeckt.“

Wenn man die schwere Kirchentür öffnet, spürt man sofort, hier steckt viel Liebe drin. Der Vorraum, die so genannte Winterkirche, ist wohlig geheizt. Und Irma Westphal wuchtet eine dicke Chronik auf den Tisch, in der sie alles verewigt, was sich im und um das Gotteshaus abspielt. Und das ist eine Menge.

„Hier, das ist das Einweihungsfoto“, zeigt sie eine alte Aufnahme, schon leicht verblichen, aber sorgfältig gerahmt. „Da ist unsere Kaiserin drauf.“ Man muss genau hin sehen, um Kaiser Wilhelm II. und seine Gattin Auguste Victoria auszumachen. „Deshalb wird unsere kleine Kirche auch Kaiserkirche genannt“, erzählt Erika Grassow, die selbst viele Jahre im Gemeindekirchenrat gearbeitet hat. Der Beweis, dass das Kaiserpaar die Liebenthaler Kirche 1897 weihte, steht auf dem Tisch: ein silbernes Abendmahlgeschirr mit der Widmung von Auguste Victoria. Diese Kostbarkeit wird streng unter Verschluss gehalten, nur die Gottesdienstgänger bekommen sie zu sehen.

Doch die Liebenthaler Kirche hat auch sonst genug Kostbarkeiten zu bieten. Denn: „Dem Kaiser war es wichtig, dass es hier eine besonders schöne Kirche gibt“, erzählt Pfarrerin Barbara Fülle. Liebenthal ist das Tor zur Schorfheide, wo Wilhelm II. seine kaiserliche Jagd abhielt. Auch andere Herrscher taten es ihm später nach.

Der große Kronleuchter im Kirchenschiff ist der Kaiserkrone nachempfunden. Die wuchtigen Kirchenbänke, die dunkle, hölzerne Deckenverkleidung, die Kanzel, der Altar mit dem Holzkreuz, das verzierte Taufbecken, die wunderschönen Bleiglasfenster – all das ist im Original erhalten. Und wird offensichtlich liebevoll gepflegt. Selbst die Kirchenuhr ist bestens in Schuss. „Die geht auf die Minute genau“, sagt Irma Westphal. „Früher hat sich mein Vater um die Uhr gekümmert“, erzählt Erika Grassow. Jetzt hat sich Andreas Werkmeister dem Uhrwerk angenommen. Auch die Glocke auf dem Turm zeigt den Liebenthalern immer noch an, was die Stunde geschlagen hat. Das älteste Stück der Kirche steht im Vorraum. Ein hölzernes Taufbecken, das aus der abgebrannten Vorgängerkirche stammt. Anno 1794 steht auf dem Fuß der Säule.

Die Liebenthaler Kirche hat auch in zahlreichen Brautpaaren ihre „Fans“ gefunden. Jede Trauung wird natürlich in der Chronik verewigt. Selbst ein schmucker Amerikaner in Galauniform hat in der Kirche geheiratet. Pfarrerin Barbara Fülle freut sich besonders, wenn sie ein zwei Jahre nach der Trauung gebeten wird, nun in der Kirche eine Taufe abzuhalten. „1933 gab es eine dreifache Hochzeit hier“, weiß Erika Grassow. Eine der drei Schwestern war ihre Mutter. Was für ein Festzug zog damals durchs Dorf, schwärmt sie.

Große Feste gibt es aber auch jetzt wieder in und um die Kirche. Das Erntedankfest im Vorjahr ist allen in bester Erinnerung. „40 Kuchen haben wir selbst gebacken“, erzählt Irma Westphal. „Und die waren am Nachmittag schon alle“, kann sich Adelheid Antrick gut erinnern. Auch der Schützenverein kommt bei seinen Festen zur Kirche. Vor drei, vier Jahren hatten es die Schützen aber zu gut gemeint mit ihrem Pulver. Beim Salutschießen flogen die Scheiben aus den Kirchenfenstern am Eingang. Die sind natürlich längst wieder repariert.

Barbara Fülle hält regelmäßig ihre Gottesdienste in Liebenthal ab. Fallen sie in die Nachmittagsstunden wird gleich noch ein gemütliches Kaffeetrinken angehängt. Bei Festgottesdiensten setzt sich die Pfarrerin auch an die Orgel, die noch ganz leidlich funktioniert. Manchmal finden auch kleine Konzerte in der Kirche statt. Für Pfarrerin Barbara Fülle ist die Liebenthaler Kirche etwas Besonderes. Nicht nur aus historischer Sicht. „Ich finde es wirklich toll, wie die Leute sich hier um ihre Kirche kümmern.“ Egal ob der Gemeindearbeiter, die Feuerwehrleute, der Ortsvorsteher oder die Vereine, alle stehen zu ihrer Kirche. „Ich kann einfach jeden fragen, wenn wir was brauchen“, sagt Irma Westphal. Und sie selbst ist sowieso unermüdlich die gute Seele in der Kirchengemeinde.



Vom Kaiser geweiht

Am 10.Oktober 1897 weihte Kaiser Wilhelm II. die Liebenthaler Kirche ein. Seine Gattin Auguste Victoria überreichte den Liebenthaler ein Abendmahlgeschirr aus Silber, das bis heute bei den Gottesdiensten benutzt wird.
Wilhelm II. hielt in der Schorfheide, die praktisch hinter Liebenthal beginnt, seine kaiserliche Jagd ab.
Der Vorgänger der heutigen Kirche, der an einem anderen Ort im Dorf stand, war zuvor einem großen Feuer zum Opfer gefallen. Drei steinerne Gedenkplatten der ersten Kirche hängen heute an der Außenwand neben den Altarfenstern.

Von Andrea Kathert

Märkische Allgemeine vom 29. Januar 2016

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