Kampf mit Sturm und Zeit

Bärbel Kraemer

Lühnsdorf (MZV) Das Rauschen des Meeres - eigentlich so fern - erschien am Sonntag in der kleinen Dorfkirche von Lühnsdorf plötzlich ganz nah. In zweierlei Hinsicht.

Uta Gosselck-Perschmann las aus dem Buch „Novecento“ und nahm die Zuhörer mit auf eine Reise.
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Förderkreismitglied Heidrun Tietz (re.) dankt Uta Gosselck-Perschmann.
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Uta Gosselck-Perschmann holte das Meeresrauschen mit Worten, sie las aus Allessandro Bariccos Buch "Novecento", in die Kirche - Mutter Natur hingegen mit stürmischem Herbstwind, der selbst die Kirche zu einem Schiff im großen Meer werden ließ. Es brauchte wenig Phantasie, um dieses Gefühl zu empfinden. Pfarrer Mathias Stephans Frage "Hören Sie es auch, das Rauschen des Meeres?", kam nicht von ungefähr.

Uta Gosselck-Perschmann war auf Einladung des örtlichen Fördervereins zum Erhalt der Kirche im Dorf zu Gast. Die Menschen in den Bänken, unter anderem Theda von Wedel-Schunk vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, waren gekommen, um die Berliner Sprach- und Schauspielpädagogin zu hören und um gleichzeitig Gutes zu tun. Die Erlöse der Benefizveranstaltung sollten der geplanten Sanierung des Gotteshauses zugute kommen - dass, ähnlich wie der Luxusdampfer in der Geschichte, mit Sturm und Zeit zu kämpfen hat.

"Novecento - Die Legende vom Ozeanpianisten", erzählt aus der Zeit um 1900, als viele Menschen aus dem alten Europa aufbrachen, um ihr Glück in der neuen Welt, in Amerika, zu suchen. Und wieder waren sie spürbar, die Parallelen vom Gestern zum Heute. Pfarrer Mathias Stephan nennt sie vor Beginn der musikalischen Lesung beim Namen und erinnert an die vielen Menschen, die derzeit in Europa Schutz suchen und mit der Hoffnung auf ein besseres Leben zu uns kommen. "Was so alt ist, ist derzeit wieder neu", so Stephan.

Dann erobert die klare Stimme von Uta Gosselck-Perschmann das Kirchenschiff, das für eine Stunde zum Ozeandampfer Virginian wird, der zischen der Alten und Neuen Welt unterwegs ist. Ein Baby, vermutlich von Auswanderern zurückgelassen, wird gefunden. Matrosen geben dem Kind den Namen Novecento - Neunzehnhundert. Novecento entwickelt sich zum gefeierten Jazzpianisten. Er verzaubert die Passagiere, befährt alle Weltmeere und geht nie an Land. Er harrt auch aus, als das Schiff gesprengt werden soll und geht mit ihr in den Tod. Es ist eine anrührende Geschichte um Musik, Leidenschaft und die Macht der Freundschaft, die in der kleinen Kirche zu Gehör gebracht wird.

Nach gut einer Stunde legt auch das Kirchenschiff - natürlich symbolisch - wieder im heimatlichen Lühnsdorf an. Die zahlreich erschienen Menschen gehen heim, mit einem Meeresrauschen in den Ohren und dem Wissen, für ihren altersschwachen Seelenkreuzer in der Dorfmitte etwas Gutes getan zu haben.

Märkische Onlinezeitung vom 18. November 2015

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