Münzen und Dokumente in Rüdnitzer Turmkugel

Bärbel Kraemer

Rüdnitz (MOZ) Die Konstruktion des Rüdnitzer Glockenturms muss saniert werden. Am Donnerstag wurde die Kirchturmspitze abgenommen.

Schöne Aussicht und seltene Ansicht: Pfarrer Christoph Brust auf dem Kirchturm in Rüdnitz betrachtet die Turmkugel mit der Wetterfahne, an der sich neben den Spuren der Zeit auch noch Einschusslöcher befinden.
© Renate Meliß

Ein kühler Wind weht über den Friedhof in Rüdnitz. Seit Tagen ist der Kirchturm eingerüstet und Zimmerer der Firma Timpe aus Belzig sind dabei, dem maroden Gebälk ans Eingemachte zu gehen. 1367 wurde das Dorf Rudenicz zum ersten Mal erwähnt und zu diesem Zeitpunkt hat es die frühgotische Feldsteinkirche auf jeden Fall schon gegeben. Sie wurde zwischen 1230 und 1250 erbaut. Die Turmkonstruktion muss derzeit holztechnisch aufwendig saniert werden wie auch die Deckenbalkenlage, der Dachstuhl und das Dach des Kirchenschiffs. Pfarrer Christoph Brust ist bereits vor Ort. "Die gesamte Holzkonstruktion ist mit dem damals zu DDR-Zeiten bekannten Holzschutzmittel Hylotox behandelt worden, was heute eine hochgiftige Angelegenheit ist", weiß der Pfarrer nach Auskunft des Materialprüfungsamtes Eberswalde zu berichten. Solange die Handwerker damit in Berührung kommen, müssen sie spezielle Schutzanzüge tragen. Am Montag wird dazu ein Spezialcontainer aufgestellt werden, der den Zimmerleuten als Schleuse dient. Christoph Schleiß, Marco Dahms sowie Chef Ronny Behrendt sind in luftiger Höhe gerade dabei, die Halterung von der Kugel abzumontieren. "Die wievielte Kirche das jetzt ist, können wir gar nicht mehr sagen", witzeln die Handwerker, die auf die Sanierung von Kirchtürmen spezialisiert sind. Eingerüstet bleibt der Turm für die nächsten 30 Wochen, da nach Abnahme der Kirchturmspitze ein "Notdach" verlegt wird, und der darunter liegende Turm über den Winter saniert werden kann. "Ab Frühjahr 2016", so Pfarrer Christoph Brust, "sollte die neue Turmspitze fertig sein." Mit dem Turm selbst sei zum Herbst nächsten Jahres zu rechnen. In 27 Metern Höhe weht der Wind dann schon heftiger. Gemeinsam mit dem Pfarrer ist der Aufstieg über die Treppe der aufwendigen Gerüstkonstruktion gelungen. Weit geht der Blick über die Landschaft zwischen Bernau, Biesenthal, Danewitz und hinunter auf die herbstlich geschmückten Gräber. Vor der in mattem Gold glänzenden Kugel knieend weist Christoph Brust auf Einschusslöcher hin. Unten haben sich bereits einige Schaulustige eingefunden. Gespannt wartet man auf den Inhalt der Kugel. Schon ist die Wetterfahne abmontiert, schwebt die etwa 50 Kilo schwere Kugel vom Kirchturm herab, kommt vorsichtig auf dem Boden zum Liegen. "Wer knackt die Nuss jetzt?", fragt der Pfarrer in die Runde. Bevor Ronny Behrend mit der Flex vorsichtig die genietete Öffnung aufschneidet, werden noch Wetten abgeschossen, wann die letzte Öffnung gewesen sein könnte, und ob sich im Inneren überhaupt eine Kartusche mit Dokumenten befindet."Tatsächlich", so ehrfurchtsvoll der Pfarrer, der die Kartusche heraus holt. Als auch diese geöffnet ist, kommt eine Kapsel mit Münzen zum Vorschein, deren Prägung die Jahre 1925, 1933, 1969, 1975 und 1995 aufweisen. Schon schwieriger ist, die eng gerollten Dokumente herauszuholen. Sie werden vorsichtig auf dem Tisch in der Kirche ausgebreitet. Zuerst eine "Märkische Oderzeitung" von 1994, eine Pergamentrolle vom 1933 mit Unterschriften. Namen werden verlesen: "Hans Schabbel, Karl Damrow, Margarete Seefeld", murmeln die Umstehenden andächtig."Wir werden das alles sichten und über die genauen Inhalte demnächst berichten", infomiert Pfarrer Brust.

Märkische Onlinezeitung vom 13. November 2015

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