Ein Gotteshaus offenbart Geschichte

Olav Schröder

Bernau (MOZ) "Manches, was in Berlin nicht mehr existiert, ist hier erhalten", sagte Landeskonservator Thomas Drachenberg am Freitag zur Eröffnung der Tagung "Die Stadt in der Kirche". Sie stellt den Auftakt zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der in ihrer Gesamtheit einmaligen Ausstattung der Marienkirche dar.

Imposante Vielfalt im Jahreslauf: Der Altar kann zu verschiedenen kirchlichen Anlässen gewendet werden.
© Rudi Meitner

Die Idee zur umfangreichen Beschäftigung mit der Marienkirche und ihren Kunstschätzen gab 2014 die Projektgruppe mit Christa Jeitner, Annett Schauß und Hartmut Kühne. In der Folge wird sich der Kirchenraum neu präsentieren. Die von der 1864 abgetragenen Scherer-Orgel bis heute erhaltenen Engelfiguren werden restauriert und im Kirchenraum wieder aufgestellt. Dazu wird eine Publikation vorbereitet. Themeninseln werden die Besucher über die besondere Ausstattung der Kirche informieren. Und nicht zuletzt wird in der jetzt stattfindenden zweitätigen Tagung Wissen zusammengetragen, das bislang unbekannt oder nur isoliert vorlag. Oder wie es Thomas Drachenberg sagte: "Die Marienkirche kann uns viele Geschichten erzählen, die wir bislang noch nicht kennen." Dazu gehören der Altar, die Malerei - beispielsweise 75 Szenen an den Emporen -, das Sakramentshaus, die Kanzel, das Taufbecken, Totenkronen und ein "nahezu einmaliges historisches Gestühl" sowie natürlich die Figuren der Scherer-Orgel.

Eine gute Nachricht brachte Bernd Janowski vom Förderkreis Alte Kirchen nach Bernau mit, der gemeinsam mit der brandenburgischen Denkmalpflege, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und vielen anderen Institutionen die Restaurierung der Figuren erst ermöglicht. Bislang sind für dieses Projekt 13500 Euro Spenden eingegangen. "Mehr als erwartet", wie sich Bernd Janowski freute. DIe Figuren könnten spätestens zum Reformationsjubiläum 2017 wieder in der Kirche präsentiert werden.

Die Marienkirche steht für Thomas Drachenberg über Jahrhunderte hinweg für "Kontinuität bei gleichzeitigem Wandel", so dass Neues das Alte beeinflusse und umgekehrt. So wie im 17. Jahrhundert Hugenotten aus Frankreich flohen und in Bernau 25 Familien Aufnahme fanden, so würden auch heute hier wieder Flüchtlinge aufgenommen.

Der regionalen Geschichte nachzugehen, empfahl Bernd Krebs, der Beauftragte der Landeskirche für das Reformationsjubiläum, nach dem Vorbild der Marienkirche auch anderen Gemeinden.

"Geschichte schreiben ist wie der Blick durch ein Prisma. Schon eine kleine Veränderung des Winkels kann ein neues Bild ergeben", hielt Pfarrer Thomas Gericke von der Sankt Mariengemeinde fest. Viele Einzelobjekte der Kirche würden jetzt neu betrachtet. Zukunftsträchtig sei es, dabei nicht zu generalisieren, sondern die "Gegensätze nebeneinander bestehen zu lassen".

Dass religiöse Kunstwerke auch im 21. Jahrhundert noch zerstört werden, gab Bernaus Vizebürgermeisterin Michaela Waigand zu bedenken und mahnte "Respekt vor der Leistung des anderen an". Sie lud die Teilnehmer der Tagung ein, nach den Vorträgen über Jahrhunderte erhaltene Dokumente, historische Drucke und Handschriften, die im Ratssaal präsentiert wurden, zu besichtigen.

Heute, am Sonnabend, wird die öffentliche Tagung im AWO-Treff, An der Stadtmauer 12, fortgesetzt. Wegen der Aufnahme eines zusätzlichen Vortrags hat sich der Ablauf etwas geändert: Ab 9 Uhr werden die Bilderwelt um 1500 vorgestellt und die Funktion der Hauptwerke im späten Mittelalter (9.40 Uhr) erläutert. Die Epitaphien (Grabdenkmale und -inschriften) stehen ab 10.50 Uhr, die Superintendentenbilder im Chorumgang ab 11.30 Uhr im Mittelpunkt. Ab 13.30 Uhr werden Kanzel und Taufstein, ab 14.10 Uhr die Emporenmalerein und Beichtstühle sowie um 14.50 Uhr das Gestühl erläutert. Um Wandmalereiein geht es um 16.15 Uhr. Schließlich werden um 17 Uhr Überlegungen zum früheren Aussehen des Kirchenraumes vorgestellt.

Am Sonntag beginnt um 10.15 Uhr der Festgottesdienst zur Reformation mit der Kantate "Eine feste Burg ist unser Gott" von Johann Philipp Krieger (1649-1725).

Märkische Onlinezeitung vom 07. November 2015

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