Der gefallene Engel

Robert Iwanetz

Frankfurt (Oder) (MOZ) Wulkow bei Booßen. In der Wulkower Dorfkirche nahe Booßen hängt der letzte verbliebene Taufengel in der Umgebung Frankfurts. Der barocke Kirchenschatz lag lange Zeit verschollen auf einem Dachboden. 2011 musste er nach einem gefährlichen Zwischenfall restauriert werden.

Taufengel in der Dorfkirche Wulkow bei Booßen: Weil eine Schraube durchgerostet war, löste sich die Figur 2011 aus ihrer Aufhängung. Die Schäden behob Restaurator Bernhard Klemm.
© Robert Iwanetz

An jenem Sonntag, an dem Erika Rochlitz von einem fallenden Engel heimgesucht wurde, war eigentlich alles wie immer. Die 72-jährige Rentnerin blieb am 5. Juli 2011 wie gewöhnlich nach dem Gottesdienst ein bisschen länger, um noch für Ordnung in der Kirche zu sorgen. Sie wollte die Bänke abwischen und die Blumen gießen. Doch als sie zum Altar lief, um die Kollekte einzusammeln, fiel auf einmal etwas von der Decke und krachte mit einem lauten Knall auf den Steinboden.

Erika Rochlitz konnte für einen Moment lang nicht fassen, was passiert war. Irgendetwas hatte sie am Arm gestreift. Sie blickte nach oben, dann nach unten, ehe sie realisierte, dass gerade der 60-Kilogramm schwere Taufengel von der Kirchendecke gefallen war. Ein Schritt weniger und sie wäre erschlagen worden. Nach dem ersten Schock merkte Rochlitz, dass sie am Arm blutete. Den wahren Schaden hatte allerdings der barocke Kirchenschatz davon getragen.

Mehrere Finger des Engels waren an beiden Händen zertrümmert. Dazu abgeplatzte Farbe überall. Der linke Flügel war angebrochen, der rechte abgetrennt. Erika Rochlitz atmete kurz durch, rief ihre Kirchenfreundin Doris Plura und schilderte ihr das Unglück. Als Absturzgrund stellte sich später eine verrostete Schraube heraus, die aus dem morschen Lindenholz der Figur herausgebrochen war. Eine Rettung des beinahe 300 Jahre alten Taufengels schien ungewiss.

"Der Wulkower Taufengel gehört wegen seiner hohen künstlerischen Qualität zu den schönsten seiner Art in märkischen Dorfkirchen", sagt der Restaurator Bernhard Klemm, der die Aufgabe bekam, den Engel wiederherzurichten. Seine Arbeit wurde durch EU-Fördermittel und Spenden ermöglicht. Fast ein halbes Jahr war er mit Kitten, Leimen und Streichen beschäftigt. "Den richtigen Farbton zu finden, war gar nicht so einfach", erzählt Bernhard Klemm. Die erste Farbe war zu körnig, die nächste zu gelb. Nun erstrahlt der Taufengel aber wieder im selben Weiß wie zuvor. Ursprünglich war er sogar mal in blau-grau gehalten.

Bei der Errichtung der Kirche im Jahre 1687 existierte der Taufengel indes noch nicht, auch wenn er zur barocken Grundausstattung des Gotteshauses gezählt wird. Er wurde erst 1718 als Stiftung der Adelsfamilie von Burgsdorff in Auftrag gegeben, die auch das Schloss in Wulkow errichten ließ. Die Jahreszahl ist neben dem Wappen der Familie im Griff der Zinnschale des Engels eingraviert. Wer ihn geschaffen hat, ist jedoch unbekannt.

Die Gestalt der 1,40 Meter langen Figur mit seinem lockigen Haar und wallenden Gewand ist typisch für die Zeit des Barock. Die schwebenden Engel waren im 17. und 18. Jahrhundert eine beliebte Alternative zum traditionellen Taufbecken in den evangelischen Kirchen Deutschlands und Skandinaviens. Mithilfe eines Seilzugs können sie während der Taufzeremonie heruntergelassen werden. Mit Beginn des Klassizismus kamen sie jedoch aus ästhetischen und ideologischen Gründen aus der Mode. Der Kirchenhistoriker Carl August von Hase nannte sie gar "metaphysische Fledermäuse".

Wie viele der 145 heute noch erhaltenen Exemplare in Brandenburg verschwand der Wulkower Taufengel lange auf einem Dachboden. Erst Anfang des 20. Jahrhundert wurde er wieder für Taufen genutzt.

Auch die Kinder und Enkel von Erika Rochlitz wurden mithilfe des Engels in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen. Vom Unglückssonntag im Sommer vor vier Jahren hat die Rentnerin nur eine schmale Narbe zurückbehalten. Angst davor, dass der Taufengel eines Tages erneut herunterfallen könnte, hat sie keine. An der neuen Konstruktion, die sich Restaurator Bernhard Klemm überlegt hat, könnte man theoretisch auch drei Engel aufhängen.

Märkische Onlinezeitung vom 08. August 2015

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