Eifriger Verein, spendables Land

Christian Schönberg

Glienicke (MZV) An Runddörfern ist Ostprignitz-Ruppin nicht reich. Glienicke, der 112-Seelen-Ort zwischen Jabel und Zaatzke gehört aber dazu. Passend dazu ist 1815 eine Kirche gebaut worden, die mit ihrem oktogonalen Grundriss einzigartig ist. Entworfen haben soll sie kein Geringerer als Karl Friedrich Schinkel.

Stolz aufs Erreichte: Ingrid Blüschke vom Förderverein zur Erhaltung der kleinen Kirche blickt auf spannende Jahre zurück. Im Vergleich zu Anfang 2008 ist das Gotteshaus nicht mehr wieder zu erkennen.
© MZV/Schönberg

Der neue Bau hatte seinerzeit einen alten Fachwerkbau ersetzt, der nicht mehr zu retten war. Mit dem seltsam anmutenden Grundriss wurden neue Wege beschritten. Als zu teuer in der Ausführung galt ein erster Entwurf, der sich an traditionellen Kirchbauten orientierte. Schinkel - gerade einmal 33Jahre alt - dachte kühn um: Ein Achteck, also Oktogon, sollte es sein, das Dach bekrönt mit einem Spitzturm. Gesagt, getan: Knapp 2000Taler kosteten Kirchengemeinde und Preußen der Bau, der, vor genau 200Jahren begonnen, bis 1819 andauerte. Bereits 1816 war das Gotteshaus nach Ende des Innenausbaus aber schon erstmals seiner Bestimmung, Ort von Gottesdiensten zu sein, übergeben worden.

In diesem Sinne wird im kommenden Jahr das 200-jährige Bestehen gefeiert. Das Land Brandenburg hat sich dafür nicht lumpen lassen und 8000Euro aus seinen Lotto-Einnahmen überwiesen. Damit konnte die 9600Euro teure Orgel-Erneuerung gestemmt werden. Auf das Instrument ist der Kirch-Förderverein um Vorsitzende Ingrid Blüschke so stolz wie auf die Kirche selbst: "Alle Teile des Instruments sind noch im Original vorhanden", erzählt sie. Das sei nicht selbstverständlich für eine Orgel, die 1870 als sein 442.Werk von Friedrich Hermann Lütkemüller gebaut worden war und damit fast anderthalb Jahrhunderte alt ist. 250Taler hat die Kirchengemeinde einst hinlegen müssen, um sich das Instrument zu beschaffen. "Heute hätte es wohl einen Wert von etwa 40000Euro", hat Ingrid Blüschke von den Restauratoren erfahren. Der Staat Preußen half auch damals schon aus und deckte die Hälfte der Kosten ab.

Im Frühjahr baute die restaurierende Firma das Instrument auseinander und transportierte es in die Werkstatt nach Plau am See ab. Jetzt steht sie wieder in der Kirche - aber nicht mehr neben dem Altar vor einer Kirchenbank, sondern oben auf der Empore. Beim Gottesdienst am kommenden Sonntag um 11Uhr soll die Orgel im Mittelpunkt stehen. Kommen wird neben Wittstocks Pfarrer Björn Borrmann dann auch Kantor Uwe Metlitzky.

Erstmals seit der Erneuerung wird sie dann wieder erklingen. Und Hartmut Mäder wird dann auf den Kirchenbänken sitzen können. Der Glienicker hat ansonsten immer das Gebläse mit der Hand bedient. Doch die altertümliche Mechanik ist durch einen elektrischen Antrieb ersetzt worden. Für den 65-Jährigen endet damit eine Ära. Bereits mit elf Jahren, so erzählt er, hat er erstmals neben dem Organisten das für die Töne notwendige Gebläse in Gang gehalten.

Wenn er Platz nimmt, könnte er es auch auf einer Bank tun, die eigentlich zur kleinen Kirche Darsikow gehört. Das Gebäude in dem Temnitzqueller Gemeindeteil soll auch künftig umfassend saniert sein, wofür ein sehr engagierter Förderverein Geld sammelt (RA berichtete). Ist das abgeschlossen, kommen die Bänke wider zurück. In Glienicke werden wie nicht mehr gebraucht, weil es auch dort dem Förderverein, aber schon vor Jahren, gelungen ist, die kleine Kirche in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen.

Zu DDR-Zeiten war sie baupolizeilich gesperrt. Niemand habe auf den Friedhof dürfen, erinnert sich Blüschke. Dennoch passierte dank eines engagierten Pfarrers mehr als vielleicht bei anderen Kirchen. So war die Decke ausgebessert worden und Pappschindeln sorgen für ein rundum dichtes Dach. Allerdings war seinerzeit auch der für Schinkels Entwurf so charakteristische Spitzhelm sozusagen verloren gegangen.

Für die Wittstocker Architektin Bärbel Kannenberg war es klar, dass bei der immer dringlicher werdenden Sanierung der Kirche auch das Türmchen wieder aufgesetzt werden sollte. Blüschke erinnert sich noch, wie sie damit äußerstes Erstaunen hervorrief, da sich kaum einer vorstellen konnte, wie sich so etwas finanzieren lassen soll. Doch die auch von Kannenberg angestoßene Gründung des Fördervereins, dessen langes Beharrungsvermögen und Spendensammeleifer sowie schließlich auch die Unterstützung der Gemeinde Heiligengrabe sorgten dafür, dass Geld aus dem EU-Topf namens Leader floss.

Vielleicht hat auch der Name Schinkel als Erbauer seinen Beitrag dazu geleistet. Dabei war die Information, dass der Entwurf von ihm stammt, mit der Zeit verschüttgegangen. Die Glienicker wussten selbst nichts vom Bauwert ihres Kleinods, bis Historiker wie Dr. Peter Schmidt und Dr. Eva Börsch-Supan den Einfluss des berühmtesten preußischen Baumeisters nachweisen konnten.

Derzeit beschäftigt das Gotteshaus in Glienicke Wissenschaftler immer noch, weiß Ingrid Blüschke. So hat eine Elsässerin beschlossen, eine Doktorarbeit zu schreiben, in der unter anderem daran geforscht wird, dass wesentliche Elemente der Glienicker Kirche wie die Proportionen des Portals in Bezug auf seine Rundfenster auch in anderen Schinkel'schen Entwürfen wiederzufinden sind. Dass es eine Dame aus Frankreich ist, ist gar nicht so weit hergeholt: Im saarländischen Bischmisheim, direkt an der Grenze zum Elsass, steht ebenfalls eine Schinkelkirche. Der Grundriss - ein Oktogon.

Märkische Onlinezeitung vom 29. Juli 2015

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