Vor 50 Jahren fiel der Turm

Ines Rath

Dolgelin (MOZ) Viele Kirchtürme im Oderland sind zum Kriegsende von Wehrmachtssoldaten gesprengt, andere in Grund und Boden geschossen worden. Nicht so der Dolgeliner Kirchturm. Zum Gedenken an seine Sprengung vor 50 Jahren läuten heute, um 15 Uhr, die Kirchenglocken.

Einstige Pracht: Diese Lithografie von der Dolgeliner Kirche findet sich auf einer alten Postkarte.
© Ulf Grieger

Nachdem am 25. März 1965, um 15 Uhr, der Zünder gedrückt war, sank der einst größte Kirchturm in der Seelower Region in sich zusammen. Mit 48 Metern Höhe überragte der Turm der Dolgeliner Dorfkirche sogar den Seelower Kirchturm. Regionalhistoriker Reinhard Schmook spricht in seinem Buch "Kirchen und Gemeindehäuser im Evangelischen Kirchenkreis Oderbruch" von einem "unverhältnismäßig große(n) Backsteinturm", der 1870 an Stelle des alten Turmes errichtet worden war. Jener alte Turm war am 2.Dezember 1867 teilweise eingestürzt.

Warum der neue Kirchturm von der Wehrmacht nicht gesprengt wurde, dazu gibt es nur Vermutungen. Eine davon lautet, man habe von Seelow ablenken wollen.

Ob die Bau-Verantwortlichen im damaligen Rat des Kreises Seelow in den 60-er Jahren befürchteten, dass der Turm, der im Trommelfeuer der Rotarmisten auf Dolgelin zum Kriegsende beschädigt worden war, einstürzen könnte, ist ebenfalls nicht genau überliefert.

Fakt ist: Bis 1946 haben im ausgebesserten Kirchenschiff Gottesdienste stattgefunden. Doch dann gab Dolgelins Nachkriegsbürgermeister die Dachsteine zur Abnahme und die Kirche faktisch zum Abriss frei. Der Kirchturm aber war da noch immer "bis weit hinein ins Oderbruch sichtbar", wie es im Buch "Kirchen im Oderbruch" heißt.

Aus den Protokollbüchern des Gemeindekirchenrates von damals hat der Dolgeliner Michael Pfeiffer, Mitglied im Förderverein der Dolgeliner Dorfkirche, erfahren: "Der Rat des Kreises Seelow war erstmals 1963 an den Dolgeliner Gemeindekirchenrat mit dem Ansinnen heran getreten, den beschädigten Kirchturm zu sprengen", so Pfeiffer.

Pfarrer Martin Müller ist wie alle seine Vorgänger in der Dolgeliner Gemeinde überzeugt, dass der Turm zu reparieren gewesen wäre. Doch die Verantwortlichen im Rat des Kreises hatten ein Argument, mit dem sie Druck ausüben konnten: Die Kinder in der unmittelbar benachbarten Schule seien gefährdet, hieß es.

Und so rückte am 25. März 1965 das Sprengkommando an. Von der Sprengung selbst gibt es nur einige wenige Fotodokumente. Doch die Spuren der Zerstörung blieben noch lange: Erst 1987/88 erreichten die Dolgeliner, dass der große Schuttkegel auf dem Kirchhof endlich abtransportiert wurde.

Die Bemühungen der Kirchengemeinde und des Fördervereins seit der Wende, die Kirchenruine samt Turm wieder aufzubauen, sind bislang nicht von Erfolg gekrönt. Die Idee des Wiederaufbaus werde aus Kostengründen auch nicht weiter verfolgt, sagt Pfarrer Müller. Allerdings ist es gelungen, die Ruine teilweise zu sichern. Die darauf zielenden Bemühungen gehen weiter. Als nächster Schritt sei das Aufbringen eines Notdaches geplant, sagt der Pfarrer.

Kirchengemeinde und Förderverein laden am Freitag, ab 19.30Uhr, zu einer Gedenkstunde anlässlich des Jahrestages der Sprengung des Kirchturmes in die Kirchenruine ein. Nach der von Pfarrer Martin Müller geleiteten Andacht wird Michael Pfeiffer den 79-jährigen Werner Nagler als Zeitzeugen der Nachkriegsereignisse im Dorf interviewen. Es gibt Musik, ein wärmendes Feuer, Glühwein und heiße Würstchen, kündigen die Veranstalter an. Als Höhepunkt haben sie eine Lasershow organisiert, bei der der gesprengte Kirchturm im Nebel optisch wieder auferstehen soll.

Märkische Onlinezeitung vom 26. März 2015

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