Pfarrer Ulrich Kappes rühmt Qualität der Glasmalereien in der einstigen Luckenwalder Arbeiter-Kirche Sankt Jakobi

Ein unerkannter Schatz

Die Luckenwalder Jakobi-Kirche, birgt einen großen kunsthistorischen Schatz, der offenbar wegen seines geringen Bekanntheitsgrades unterzugehen droht. Das sagt der Pfarrer Ulrich Kappes. Bessonders die Fenster der Kirche haben es ihm angetan.

Pfarrer Ulrich Kappes bei einem Vortrag über die Glasmalerei in der Sankt-Jakobi-Kirche. Er hat sich intensiv mit den Kirchenfenstern beschäftigt. Links eine prachtvolle Rosette an der Nordost-Seite der Kirche.
Quelle: Reck

Luckenwalde. Nicht mehr die Kirche bildet den Mittelpunkt geistigen Lebens und städtischer Interessen, sondern der Schornstein.“ Das schrieb Theodor Fontane 1864, also vor 150 Jahren, über die ständig wachsende Industriestadt Luckenwalde, aus der damals mindestens 50 Schornsteine in den Himmel ragten, aber nur ein Kirchturm. 30 Jahre später versuchten Kaiser Wilhelm II. und seine Frau Auguste Viktoria mit dem Bau der Sankt-Jakobi-Kirche dieser Entwicklung gewissermaßen entgegenzuwirken.

„Das muss wirklich sehr teuer gewesen sein“, sagt Ulrich Kappes. Er war zu seiner Berufszeit als evangelischer Pfarrer in Berlin-Pankow tätig und hatte sich intensiv mit der Bau- und Kunstgeschichte dortiger Gotteshäuser beschäftigt. Seit seiner Pensionierung lebt der promovierte Theologe in Luckenwalde, wo er seiner Leidenschaft weiter nachgehen kann. Denn die Sankt-Jakobi-Kirche gleicht im Innenraum in manchem der im Jugendstil errichteten Hoffnungskirche in Pankow, wo Kappes zuletzt als Gemeindepfarrer tätig war, und über die er sogar ein Buch geschrieben hat.

Die Luckenwalder Jakobi-Kirche, die ein rühriger Förderverein seit 2005 erfolgreich vor dem Verfall zu retten trachtet, nachdem sie von der Kirchengemeinde eigentlich schon so gut wie aufgegeben worden war, birgt laut Ulrich Kappes einen großen kunsthistorischen Schatz, der offenbar wegen seines geringen Bekanntheitsgrades unterzugehen droht. Kappes schwärmt regelrecht von der Architektur dieser Kirche. Er lässt sich nicht durch den abblätternden Putz und die feuchten Flecken an den Wänden von der eigentlichen Pracht dieser gerade mal 120 Jahre alten Kirche ablenken. Und ganz besonders haben es ihm die Kirchenfenster angetan.

Über die Jahre des staatlich verordneten Materialismus und des damit einhergehenden Materialmangels verblasste der äußere Glanz des Kirchenbaus. Die Fenster verfielen dramatisch. Es ist im wesentlichen der Arbeit des Fördervereins der Sankt-Jakobi-Kirche zu danken, dass nach der Restaurierung durch die Glasmalerkünstlerin Ilona Berkei aus Zeuthen ein großer kunsthistorischer Schatz erhalten blieb. Dabei halfen Spenden, Förder- und Lottomittel.

Fördermittel und vor allem Spenden gab es auch vor über 120 Jahren beim Bau der Jakobi-Kirche. Sie gehört zu den protestantischen Sakralbauten, die in den industriellen Ballungsgebieten Preußens errichtet wurden. Mit der Übernahme des Protektorats durch die Kaiserin Auguste Viktoria war der Bau möglich geworden. Er sollte, wie ungezählte neu gebaute Kirchen in Preußen, die Bevölkerung zu christlichen Werten zurückführen und dadurch vor allem den weiteren Vormarsch der Sozialdemokratie verhindern. Und da Luckenwalde nicht nur eine mit Schornsteinen übersäte Industriestadt war, sondern auch eine politisch besonders bewusste Arbeiterschaft beherbergte, und deshalb als „das rote Luckenwalde“ berühmt beziehungsweise berüchtigt war, drängte sich diese Stadt geradezu auf, rechristianisiert zu werden.

„Die Jakobi-Kirche war nicht die Bürger-Kirche, sondern eine Arbeiter-Kirche“, sagt Ulrich Kappes. Schon der Name gibt einen Hinweis darauf, gilt doch der heilige Jakobus als Schutzheiliger unter anderem der Hutmacher. Und davon gab es in der Textilindustriestadt Luckenwalde viele. Doch die meisten von ihnen gingen lieber zu sozialdemokratischen Partei- und zu Gewerkschaftsversammlungen als zum Gottesdienst, eher zu Bildungs- und Arbeitersportvereinen als zum Kirchenchor. Dem musste etwas entgegengesetzt werden, koste es, was es wolle.

Der Hauptbetrag zum Bau der Jakobi-Kirche kam aus der preußischen Staatskasse. Den stockte die Kaiserin als Vorsitzende des Kirchbauvereins später noch erheblich auf. Aber Luckenwalde war auch bekannt für sein sozial engagiertes Großbürgertum. Namen wie die Familien Heinrich oder Fähndrich erinnern noch heute an die Gründung sozialer Einrichtungen wie ein Altenheim und das Krankenhaus.

 
Im Zentrum: der grüßende Jesus vom Königlichen Glasmalinstitut.
Quelle: Ulf Handrek
Die Weihnachtsfenster haben einen anderen künstlerischen Stil. Links die drei Weisen, rechts Jesus, Maria und die Hirten.
Quelle: Ulf Handrek

Die örtlichen Großindustriellen trugen also mit oder ohne sanften Druck ihrer Majestät zum Gelingen des Kirchenbaus bei. Und da wurde in der Kirche für die Arbeiter nicht nur gekleckert, sondern geklotzt. Dazu gehört vor allem die kunstvolle Glasmalerei, mit der sich Kappes intensiv auseinandergesetzt hat. Zumindest die Fenstergruppe über dem Altar wurde nachweislich vom „Königlichen Glasmalerei-Institut Charlottenburg“ geschaffen.

Bei den rechten Seitenfenstern mit dem Weihnachtsbild ist sich Kappes da nicht so sicher. Auf jeden Fall müsste es ein anderer Glasmaler aus Charlottenburg gewesen sein, da die künstlerische Handschrift eine andere sei als bei den Altarfenstern, sagt Kappes.

Was das zentrale Jesusbild über dem Altar betrifft, sei dies nicht ein „segnender“ Jesus, wie gemeinhin behauptet wird, sagt Kappes, sondern ein „grüßender Jesus“, wie einst Könige in der Antike dargestellt wurden. Die Geste mit den drei erhobenen Fingern werde vor allem bei Auferstehungs-Darstellungen verwendet. Der Erlöser tritt durch einen Torbogen mit einer Kuppel darüber auf die Gemeinde zu. Der Architekt der Kirche, Friedrich Adler, habe dieses „Hervortreten“ verstärkt, indem er neben das Altarfenster zwei auffällige Säulen gesetzt habe, die wie ein Tor wirkten, so Kappes. Diese Christusgestalt signalisiere dem Kirchenbesucher, dass er hier nicht allein sei und Christus zu ihm komme.

Das Gewand des Gottessohnes ist violett, eine Farbe, die aus der Mischung von rot und blau entsteht. Rot steht für die Erde und blau für den Himmel. „Diese Farbensymbolik sagt, dass er zu beiden gehört, zu Himmel und Erde“, interpretiert Ulrich Kappes die Farbgebung. Denn für ihn ist nichts zufällig und schon gar nicht bei religiöser Kunst. Alles hat seine Bedeutung. Man muss sie nur erkennen.

Die Christusfigur steht auf einem Plateau, das für eine gewisse Tiefenoptik sorgt, und vor einem Vorhang, der unten Fransen hat. Ein Detail, das bisher wohl niemandem so recht aufgefallen ist. Aber dahinter schimmert ein blauer Himmel hindurch. „Die Unendlichkeit“, sagt der Pfarrer.

Unter dem Plateau wird es aber wieder ganz irdisch: das Allianzwappen des Kaiserpaares. Links das kaiserliche Wappen mit dem preußischen Adler und rechts das Familienwappen von Auguste Viktoria, Prinzessin von Schleswig-Holstein-Augustenburg-Sonderburg. Darüber steht die Inschrift „Eins ist Noth“, die an dieser Stelle rätselhaft wirkt. Es ist eine Bibelstelle aus Lukas 10, 41 und 42. Dort kehrt Jesus bei Martha und ihrer Schwester Maria ein. Martha bewirtet ihn, gibt sich viel Mühe und beschwert sich, warum nicht auch Maria mithelfe. Die aber sitzt zu Jesu Füßen und hört seiner Rede zu. Jesus antwortet Martha und spricht zu ihr: „Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe; eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“ Soll heißen: Du kannst Dir noch so viel Mühe geben, viel wichtiger aber ist es, mir zuzuhören. Oder mit den Worten von Ulrich Kappes: „Schon damals waren christliche Arbeiter die Ausnahme. Sie galten als Außenseiter. Und wenn so einer in die Kirche kam, las er „Eins ist Noth“, also: „Mach Dir nichts draus, auch wenn Du noch so isoliert bist und zudem von Arbeit getrieben bist, reiß dich davon los, um den Gottesdienst zu besuchen und dort Kraft zu sammeln.“

Reißt man sich von der zentralen Fenstergruppe los und blickt nach rechts, so sieht man die beiden Weihnachtsfenster. Das rechte zeigt Maria mit dem Kinde und das linke die drei Heiligen Könige. Die rechte Glasmalerei, von wem auch immer sie stammen mag, zeigt den Kopf Marias im Zentrum des Bildes. „Ihr Kopftuch bildet quasi ein Zelt über dem Jesuskind und symbolisiert die Zusammenhörigkeit und den Schutz“, erläutert Kappes. Seitlich und dahinter stehen drei Gestalten. Der Knabe hat ein ähnliches Gesicht wie Jesus, ebenso der Hirte hinter Maria. Die Botschaft: „Jesus, der den Hirten ähnlich sieht, gehört zu den Hirten“, so Kappes. „Das soll heißen, Jesus ist der gute Hirte.“ Das Schaf zu Füßen Marias, das ein menschenähnliches Gesicht hat, symbolisiere mehr das spätere Opfer als dass es bloß Attribut der Hirten sei.

Der ältere Hirte auf der linken Seite des Bildes hält seine Hand abwehrend gegen das Jesuskind. Dies, ebenso wie sein hohes Alter und seine ehrfurchtgebietende Erscheinung, lassen den Schluss zu, dass er, obwohl er einen Hirtenstab trägt, gar kein Hirte gewesen sein kann. Laut Kappes ist er eine Symbolgestalt für die Propheten des Alten Testaments. Die Botschaft des Fensters lautet dann an dieser Stelle: Das durch diese Prophetengestalt repräsentierte Alte Testament und das Jesuskind gehören zusammen. „Das Alte Testament und das Judentum gehören zu Jesus und umgekehrt“, so Kappes. Das sei jedenfalls seine Deutung des Kunstwerkes, betont der Theologe. Er wisse aber, dass ein wahres Kunstwerk immer mehrere Auslegungen zulasse. Unter dem Bild sind die Stifter verewigt: die Gebrüder Steinberg, eine Luckenwalder Industriellenfamilie.

Das linke Bild zeigt die drei Heiligen Könige beziehungsweise Weisen, die auf das Jesuskind blicken. Kappes erkennt in ihnen deutliche Unterschiede, weniger im Alter als vielmehr in ihrem Charakter: der Ahnende, der Zweifelnde und der Überzeugte. Der Rechte mit dem dampfenden Weihrauchgefäß neigt seinen Kopf dem Kinde zu. Sein ernster Blick zeigt eine gewisse Resignation. „Ahnt er, dass Jesus umgebracht wird, dass die Guten nicht belohnt werden?“, fragt sich Kappes. Die linke Figur ist eindeutig ein Afrikaner mit duftender Myrrhe. Er zeigt nach Kappes’ Interpretation einen zweifelnden Gesichtsausdruck und eine zurückhaltende Gestik. Dagegen kniet der Dritte im Bunde vor dem Messias nieder. Er ist eindeutig ein Europäer, hat einen spitzen Bart und eine spitze Nase, die, fast ein wenig übertrieben, zu Jesus hin gerichtet sind. „Er ist im Unterschied zu den anderen beiden eins mit Jesus“, so Kappes.

Nicht weniger kunstvoll als die beiden Weihnachtsfenster ist die Rosette darüber. „Sie sieht zu jeder Tageszeit anders aus“, sagt Kappes und spricht von einem „unglaublichen Farbenspiel“. Dies seien aber nicht nur Dekor-Elemente, die sich darin befänden, wie das Weinlaub. „Alles hat einen tieferen Sinn und eine Aussage“, so Kappes.

Der damals vorherrschende Jugendstil ist auch prägend für diese Rosette. 1894, im Jahr der Erbauung der Jakobi-Kirche, habe ein geistiger Kampf geherrscht, auf der einen Seite der „auftrumpfende Vulgärmaterialismus“, so Kappes, der das gesamte organische Leben auf Zellstruktur, Hormone und Wasser reduzierte. Auf der anderen Seite standen der Jugendstil, die Wandervogelbewegung und die sogenannte Lebensphilosophie. „Es ist nicht alles nur Zelle und bloße Chemie. Das Leben ist mehr, viel mehr und vor allem nicht Anarchie, sondern Ordnung. Es ist mehr als stumpfe Materie. Alles ist einzigartig, strömend, fließend“, referiert Ulrich Kappes die damalige Geisteshaltung. Das spiegelten die Rosetten der Kirche wider.

Man kann also noch viel tiefer eintauchen in die Symbolik der Kirchenfenster von Sankt Jakobi. Ulrich Kappes bedauert, dass die Kirche bisher stets „in einer Nische stand“, in der sie nicht so recht beachtet wurde, wie es ihr eigentlich zustehe. „Man muss die Nebel lüften, um die Schönheit zu sehen“, sagt Kappes, der hofft, dazu etwas beigetragen zu haben.

Von Hartmut F. Reck

Märkische Allgemeine vom 25. Dezember 2014

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