Organistin mit Herz und Hingabe

Doris Steinkraus

Altfriedland (MOZ) Ein ungewöhnliches Jubiläum feiert Dorothea Blache mit ihrer Kirchengemeinde in diesem Jahr. 1954 wurde die eigens für die Klosterkirche konzipierte Schuke-Orgel eingebaut. Die heute 83-Jährige spielt genau seit dieser Zeit auf ihr.

Lobt die meisterhafte Arbeit der Potsdamer Orgel-Bauer: Seit 60 Jahren spielt Dorothea Blache die Schuke-Orgel in Altfriedland. Das Instrument ist nach wie vor in bestem Zustand.
© MOZ/Doris Steinkraus

Neugierig wagen Besucher einen Blick in die Kirche. Die Klänge der Orgel haben sie gelockt. "Wo gibt es das schon auf dem Lande? Eine offene Kirche und dann auch noch gratis Orgelmusik", sagen Bergers aus Berlin. Dorothea Blache hört oft solche Worte. Denn es zieht sie so gut wie jeden Tag an ihre Orgel. Als 17-Jährige kam sie mit ihren Eltern nach Altfriedland. Ihr Vater Otto Stiehm übernahm das Pfarramt im Ort. "Die Kirche war in einem schlimmen Zustand", erinnert sich die Altfriedländerin. "Die Fenster waren kaputt, die Kirche geplündert und mit den Pfeifen der Orgel spielten die Kinder auf der Straße." Ihr Vater sei sehr musikalisch gewesen, habe alle vier Kinder an die Musik herangeführt. Für ihn habe festgestanden, dass die Kirche wieder eine Orgel brauche. Tochter Dorothea ging erst einmal zur Kirchenmusikausbildung ans kirchliche Seminar in Dahme. "Als ich fertig war, gab es noch immer keine Orgel, aber mein Vater ließ nicht locker", blickt Dorothea Blache zurück. Als sie 1954 in Greifswald ihr Studium an der Kirchenmusikschule abgeschlossen hatte, wurde sie schließlich eingebaut - die Orgel, die ihr Vater gemeinsam mit dem Potsdamer Orgelbauer Hans-Joachim Schuke ganz speziell für Altfriedland konzipiert hatte.

Ihre Ausbildung hätte sie eigentlich auch für andere Aufgaben prädestiniert, aber die Liebe bescherte den Altfriedländern eine dauerhafte Organistin. Sie heirate ihren Richard Blache, blieb im Ort, arbeitete bis zur Pensionierung als Kirchenmusikerin und Katechetin im Kirchenkreis Bad Freienwalde und spielt nun seit 60 Jahren auf der 60 Jahre alten Orgel in der Altfriedländer Kirche.

Eintönigkeit? Die rüstige Seniorin winkt ab. "Allein bei Bach gibt es so viele Orgelwerke, die schafft man in einem Leben nicht zu spielen", ist sie überzeugt. Sie kennt ihre Orgel in- und auswendig. 840 Pfeifen hat sie, zwölf Registern und zwei Manuale. "Eine großartige Arbeit", schwärmt sie. "In all den Jahren war sie nie defekt, hat mir und vielen Besuchern viel Freude bereitet." Zum Sommerkonzert im Juli, das ganz im Zeichen des Orgel-Jubiläums stand, dankte Dorothea Blache Matthias Schuke für das Instrument. Der Enkel des Firmengründers führt das Unternehmen weiter.

Wenn Schulklassen kommen, wundern die sich, dass die alte Dame noch immer jeden Tag üben muss. "Ich erkläre ihnen dann, dass das wie bei Sportlern ist", erzählt sie lachend. "Man kann es, aber man muss immer wieder für den Erfolg trainieren." Zudem sei es für sie nicht nur Arbeit, sondern vor allem Freude. Tage ohne Orgelspiel sind selten. Im Winter musste sie krankheitsbedingt pausieren. Das sei schlimm gewesen, gesteht sie. Nachdem Pfarrer Arno Leye dafür sorgte, dass an der Treppe ein massives Geländer angebracht wurde, habe sie auch wieder hinauf steigen können. Und so übt sie weiter jeden Tag zwischen 14 und 15 Uhr, begeistert so manchen Besucher, der sich still in die Kirchenbank setzt und ihrem Spiel lauscht. Interessierten zeigt sie auch den Mechanismus, der mittels Strom gleichmäßig Wind in die Schleifladenorgel treibt. Fällt der Strom aus, könnte das manuell erfolgen - per Blasebalg, den allerdings ein versierter "Treter" betätigen müsste.

Ihr größter Wunsch ist es, noch lange auf "ihrer" Orgel spielen zu können. Sie habe einen Traum, erzählt sie. Es soll endlich zu Weihnachten wieder ein Krippenspiel in der Kirche geben. Dazu will sie Kinder einladen. Und das schon obligatorische Sonderkonzert in der Silvesternacht hat sie auch schon wieder im Blick - gratis, versteht sich. Sie sieht ihr Orgelspiel als ihre Aufgabe, die Gott ihr auferlegt hat. Sie erfüllt sie mit viel Herz und Hingabe.

Märkische Onlinezeitung vom 15. August 2014

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