Für die nächsten hundert Jahre gerüstet

René Matschkowiak

Frankfurt (MOZ) Die Heilandskapelle ist seit Sonntag wieder geöffnet. Nach einigen Monaten Bauzeit und 280 000 Euro, die vor allem in neues Holz angelegt wurden, erstrahlt die Kirche der Gefangenen des Ersten Weltkrieges in neuem Glanz. Superintendent Joachim Zehner, der neun Jahre Pfarrer in Frankfurt war, war extra aus Potsdam zum Festgottesdienst angereist. "Es ist eine fulminante Gemeinschaftsleistung", sagte er. "Mit Kirchen haben fast alle Menschen eine emotionale Verbundenheit. Die Dresdner Frauenkirche ist überall." Lobende Worte fand Zehner für die ökumenische Andacht mit Totengedenken auf dem sogenannten Russenfriedhof vor dem Gottesdienst. "Damit hat Frankfurt während der aktuellen Spannungen zwischen Deutschland und Russland ein sehr deutliches Zeichen gesetzt."

Zufrieden: Rüdiger Hund-Göschel zeigt Carolin Vogel von der Hermann-Reemtsma-Stiftung, einem der Sponsoren der Restaurierung, was aus dem gespendeten Geld entstanden ist.
© Rene Matschikowiak

Oberbürgermeister Martin Wilke (parteilos) erinnerte an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und daran, dass sich die Gefangenen mit dieser Kirche einen friedvollen Ort schaffen wollten. Neben evangelischen fanden in der Kirche auch katholische Gottesdienste statt, aber auch die Baptisten und Gefangene jüdischen Glaubens hielten hier ihre Gottesdienste ab. "Es ist ein Ort, an dem sich alle an ihre Heimat erinnern konnten. Auch jetzt wieder ist die Heilandskapelle Lebensmittelpunkt", so Wilke. "Das Besondere an dieser Kirche ist die Entstehungsgeschichte", sagte der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Peter Fritsch. "Ohne den rührigen Verein und die pfiffigen Leute zum Geld einwerben wäre das Vorhaben der Sanierung wohl nicht geglückt."

"Besonders das Tragwerk wurde saniert", erklärte der Vorsitzende des Fördervereins Rüdiger Hund-Göschel. "Wenn früher die Glocken geläutet wurden, hat manchmal das ganze Haus gewackelt. Unter dem Dach war viel Holz verfault." Das Dach ist nun wieder mit naturbelassenen Holzschindeln gedeckt. Im Innenraum der Kirche gibt es einige Sichtfenster, die einen Einblick auf den vorherigen Zustand gewähren. "Noch vor zwei Jahren dachten wir, dass nur die Hälfte der Bauarbeiten zu schaffen ist", schaute Hund-Göschel zurück. Das zur Verfügung stehende Geld wurde dann überraschend vom Land aufgestockt und auch der Förderverein sammelte fleißig weiter. "Jetzt dürfte es für die nächsten hundert Jahre reichen", freute sich Hund-Göschel. Einzig der kleine Anbau des Altarraums müsse noch saniert werden.

Für den Buchhändler und Stadtverordneten Michael Möckel (CDU) war die Eröffnung eine kleine Reise in seine Kindheit. "Meine Großeltern haben nebenan gewohnt. Schon als Kind gehörte die Russenkirche, wie sie früher genannt wurde, zu meinem Leben. Jetzt wohnt meine Familie hier und mein Sohn kann die Kirche nun auch für sich entdecken."

Märkische Onlinezeitung vom 04. August 2014

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