Erste Autobahnkirche am Berliner Ring eröffnet

Seelenrast mit Kunstgenuss

Eine Rast bei langen Autofahrten ist auch mal ganz anders möglich: An einer Tankstelle für die Seele. Im havelländischen Zeestow öffnete am Sonntag die erste Autobahnkirche am Berliner Ring. Volker Stelzmanns Bilder verwandelt sie in eine Galerie.

Die Kirche in Zeestow ist täglich von 8 bis 18 Uhr geöffnet.
Quelle: Konrad Radon
 
Am Sonntag eröffnete in Zeestow eine Autobahnkirche.
Foto: dpa

Zeestow. Ein großes Holzkreuz, vier einfache Deckenlampen, helles Gestühl und schon heftet sich der Blick an die zwölf lebensgroßen Männer. Die von Volker Stelzmann 1988 gemalten ausgewiesenen Jünger Jesu sind Hingucker und moderner Kunstschatz der ersten Autobahnkirche am Berliner Ring. Stelzmann gehörte als Maler und Hochschullehrer zu den bekanntesten bildenden Künstlern der DDR.

Eine Million Euro hat die Sanierung der Kirche gekostet. Das Brandenburger Agrarministerium stellte für das Projekt etwa 434.000 Euro aus dem EU-Agrarfonds bereit. Das Kulturministerium beteiligte sich mit rund 64.000 Euro. So konnten Glockenturm, Kirchenschiff und die kleeblattförmige Apsis aus dem 19. Jahrhundert unter Leitung der Potsdamer Architektin Sibylle Stich saniert werden.

Der neue Rastplatz für die Seele in Zeestow wurde am Sonntag mit einem feierlichen Gottesdienst eröffnet, den viele Gäste besuchten. So erlebte das 300-Seelen-Dorf Zeestow einen geballten Ansturm mit Parkplatznot.

Wer direkt dabei sein wollte, brauchte eine Platzkarte, denn die Brandschutzregeln ließen nicht mehr als 200 Besucher zu. Wer keine Einladung hatte, musste warten bis der direkte Blick auf den Kunstzyklus möglich war und konnte sich bis dahin ins Zelt nebenan setzen, um zu hören, was Landesbischof Markus Dröge predigte.

Der hohe Kirchenmann bezog sich auch auf Stelzmanns berühmte Apostel, die als Obdachlose dargestellt die Kirchenbesucher begrüßen. Laut Altem Testament rief Jesus sie zusammen, um ihn zu begleiten und die frohe Botschaft zu verbreiten. „Die Berufenen“ sähen auf Stelzmanns Darstellung aus wie komische oder ganz besondere Gestalten. Für Dröge sind sie ein Beispiel, „wie Kirche nach neuen Wegen sucht und versucht, Menschen anzusprechen“. Die als „Normalos“ mit Stärken und Schwächen dargestellten Apostel passen optimal in das Gotteshaus. So sagte der Landesbischof: „Es ist, als ob die Bilder hier sein müssten und nirgendwo anders mehr sein könnten.“ Dass es viel Kritik am Kauf der 120.000 Euro teuren Kunstwerke durch die Evangelische Landeskirche gab, während andere Gotteshäuser vom Verfall bedroht sind, wurde auch bei den zahlreichen Grußworten nach dem Gottesdienst nicht thematisiert.

Drei Fragen an...

Bernhard Schmidt ist Vorsitzender der kollegialen Leitung des Kirchenkreises Falkensee.
Quelle: Annett Lahn

Viel ist jetzt erreicht. Wie fühlen Sie sich an diesem Feiertag?
Ich bin richtig glücklich. Mit himmlischem Beistand haben wir eine zeitliche Punktlandung gemacht. Am Freitag wurden noch die Hinweisschilder an der Autobahn aufgestellt.
Mehr als eine Million Euro sind in die Wiederherstellung der verwaisten Dorfkirche geflossen. Gibt es Kritiker, die bemängeln, dass hier diese hohe Summe ausgegeben wurde, während viele andere Gotteshäuser auch vom Verfall bedroht sind?
Um innovative Ideen umzusetzen, braucht man viel Geld. Aus dem Kirchenkreis ist aber nicht mehr Geld geflossen als in andere Projekte auch. Wir sind mit den Leuten, die das kritisch sehen, im Gespräch.
Weiterhin dient die Kollekte der Sanierung der Kirche, die noch nicht ganz abgeschlossen ist. Was kommt als Nächstes an die Reihe?
Gestühl und Empore in der Kirche müssen noch gestrichen werden. Die Naturharzfarben brauchen jedoch viel Zeit zum Trocknen. Das hätte vor dem Eröffnungsgottesdienst nicht mehr geklappt. Viel Arbeit gibt es auch noch rund um die Kirche. Ein Busparkplatz fehlt noch. Unsaniert ist auch das Stallgebäude auf dem Kirchengelände.

Brandenburgs Verkehrsminister Jörg Vogelsänger freute sich, dass die Zeestower ihre Kirche wieder haben. Dabei seien die geflossenen Fördermittel nicht das Wichtigste, sondern die Menschen. Sie und ihre Kirche befänden sich am meist befahrenen Autobahnring Europas. Für Landrat Burkhard Schröder ist die zentral gelegene Kirche ein Schaufenster des Havellandes. Sie werde dafür sorgen, das Zeestows Bekanntheitsgrad steigt. Er hofft, dass viele Autofahrer von der A10 abbiegen, parken und Einkehr finden, um über sich und die Welt nachzudenken.

Zur Kircheneröffnung sprach auch die ehemalige Bundestagsabgeordnete Angelika Krüger-Leißner. Sie hatte während ihrer Mandatszeit dafür gesorgt, dass für die Autobahnkirche Fördertöpfe unkompliziert angezapft werden konnten und hielt gestern eine berührende Dankesrede, in der sie den Reichtum an Kulturdenkmälern wie diese alte Dorfkirche lobte. Zum Künstler Stelzmann sagte sie: „Ihre Kunst wird den Menschen etwas mitgeben.“

Während viele Gäste mühevoll die Köpfe nach Kunstwerken und Rednern streckten und ihre Kameras schwenkten, sorgten die Sänger des Gospelchores vom Falkenseer Kirchenkreis für spontane Freude und animierten zum Mitklatschen.

Wer als Reisender oder Kunstgenießer in der Autobahnkirche Erholung sucht, kann sie täglich besuchen. Der Kirchenwart öffnet sie um 8 Uhr und schließt sie wieder um 18 Uhr. Das Gotteshaus soll den Reisenden Raum für das stille Gebet oder eine ruhige Pause schenken. Ein blaues Autobahnschild mit einer schwarzen Kirche auf weißem Grund weist den Autofahrern den Weg. In Zeestow befindet sich nun Brandenburgs dritte Autobahnkirche. Seelen-Raststätten gibt es auch an der Abfahrt Wehrbellin im Barnim und in Duben am Spreewald. Deutschlandweit ist Zeestow die 41. Kirche. An jedem ersten Sonntag im Monat wird es eine Apostel-Andacht geben, erstmals am 6. Juli um 14 Uhr.

Von Annett Lahn

Märkische Allgemeine vom 22. Juni 2014

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