"Ein Meisterwerk der Gießerkunst"

Martin Stralau

Frankfurt (MOZ) Nachdem die drei neuen und eine alte Glocke für St. Marien am Freitag vor der Kirche aufgehangen wurden, begrüßten die Frankfurter sie am Sonnabend mit einem Festgottesdienst. Wolfgang Huber, ehemals Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschland, übernahm die Weihe.

Angeschlagen. Der Glockensachverständige Rainer Thümmel (links) ließ die Glocke"Osanna" das erste Mal für die Frankfurter ertönen. Ihm zur Seite stand Johannes Grassmayr von der Gießerei in Innsbruck, in der die drei neuen Glocken für das Geläut hergestellt wurden
© FOTO Michael Benk

"Ihr müsst die Glocken einmal alle angefasst haben. Los. So dicht kommen wir da nie wieder heran", rief eine Frau ihrer Familie zu. Sätze wie diese konnte man am Sonnabend von vielen Besuchern hören, die zur Glockenweihe an der Nordseite der Marienkirche gekommen waren und dort die in provisorischen Glockenstühlen aufgehängten Klangkörper bewunderten. Der Andrang verwunderte nicht, denn die Chance, "Osanna", "Maria", "Adalbert" und "Hedwig" mit den Fingern zu befühlen, ist spätestens ab Dienstag vorbei. Dann sollen die vier Glocken bereits im Turm hängen. Geplant ist, dass sie Pfingsten das erste Mal läuten.

Einen kleinen Vorgeschmack, wie sich das anhören könnte, lieferte Rainer Thümmel, der "Osanna" - mit 5,4 Tonnen die schwerste der Glocken - mit einem Metallklöppel anschlug. Thümmel, Glockensachverständiger aus Sachsen, hat den gesamten Prozess der Wiederherstellung des Geläuts für die Stadt begleitet und war auch beim Gießen in Innsbruck dabei. Von "Osanna", deren Guss erst im zweiten Anlauf geglückt war, sprach er in höchsten Tönen. "In meinem Abnahmegutachten steht, dass sie ein Meisterwerk abendländischer Glockengießerkunst ist. Das habe ich noch nie über eine Glocke geschrieben. So etwas schreibt man nur einmal im Leben", sagte der Experte.

Bevor der Festgottesdienst gefeiert wurde, gab es die Glockenweihe. Zu jeder Glocke wurden von den jeweiligen Glockenpaten ein paar einführende Sätze gesagt. OB Martin Wilke war der Stolz anzusehen, dass er als Pate über "Osanna" sprechen durfte. "Sie steht historisch und aktuell für die Frankfurter Geschichte und zeigt uns, dass auch mal etwas schief gehen kann, wenn man Großes erreichen will. Es lohnt sich eben, Dinge zweimal anzugehen und dranzubleiben", sagte Wilke, der mit angesehen hatte, wie die Glocke beim ersten Guss-Versuch gerissen war.

Wolfgang Huber, Bischof i.R. und ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschland, stellte in seiner vom Publikum viel gelobten Rede beim Gottesdienst zufrieden fest, "dass sich St. Marien Schritt für Schritt von einem Mahnmal der Zerstörung in ein Zeichen des Friedens wandelt". Er dankte der Spendenfreudigkeit der Frankfurter und bezeichnete die Wiederherstellung des Geläuts als ein "beeindruckendes Gemeinschaftswerk der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, der Sparkasse Oder-Spree und des Fördervereins von St. Marien."

Der Fördervereinsvorsitzende Helmuth Labitzke betonte, dass die geplante Investitionssumme von 500 000 Euro für die Glocken "nur um 27 000 Euro überschritten worden ist". "Das Geld hat uns die Stadt vorgestreckt. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, es noch im laufenden Haushaltsjahr zurückzuzahlen", sagte Labitzke. Dafür und für zwei weitere Glocken wolle man jetzt weiter sammeln, damit das historische Geläut von sechs Glocken schon bald wieder komplett ist.

Märkische Oderzeitung vom 05. Mai 2014

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