Am 22. Juni wird die Autobahnkirche in Zeestow eröffnet

Die Kanzel geht auf Wanderschaft

Kabel hängen aus der Decke, an der Wand lehnt ein Gerüst und auf dem Altar liegt anstelle von Bibel, Kreuz und Kerzen bloß ein mit Klebeband umwickeltes Staubsaugerrohr. Weniger als drei Monate vor der offiziellen Eröffnung gleicht das Innere der künftigen Autobahnkirche in Zeestow noch immer einer Baustelle.

Pfarrer Bernhard Schmidt auf der Baustelle in Zeestow: Während im Inneren noch einiges zu tun bleibt, erstrahlt die Autobahnkirche äußerlich bereits in neuem Glanz.
Quelle: Philip Häfner

Zeestow. Bernhard Schmidt bleibt trotz der andauernden Bauarbeiten gelassen. "Drei Monate sind eine lange Zeit", sagt der Pfarrer. Er sei nun wahrlich kein geborener Optimist, aber in diesem Fall sei er absolut zuversichtlich, "dass noch alles rechtzeitig fertig wird."

Bislang steht noch nicht einmal die Kanzel, auf der Markus Dröge, der Bischof der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, am 22. Juni seine Eröffnungspredigt halten wird. Die bisherige Kanzel in der Ecke der Kirche wird abgetragen und anschließend um einige Meter nach vorne versetzt wieder aufgebaut. Grund für die Wanderschaft sind die zwölf Gemälde des Künstlers Volker Stelzmann, die in der Kirche aufgehängt werden. Sie wären andernfalls von der Kanzel verdeckt. "Der nette Nebeneffekt ist, dass der Prediger näher an die Gemeinde heranrückt", sagt Bernhard Schmidt. Zudem würde die "plumpe Symmetrie" von Kanzel, Altar und Taufbecken aufgelöst.

Die Bilder sind neben dem Pflaster, das über der neuen Fußbodenheizung verlegt wurde, der einzige Schmuck in der ansonsten schmucklosen Zeestower Kirche. Schmidt spricht von preußischem Puritanismus, der aber auch seine Reize habe. Vor allem ist die Kirche detailgetreu restauriert worden. Sogar die Fluchttür, die zwischenzeitig zugemauert gewesen war, wurde wiederhergestellt.

Gleichzeitig setzt man in Zeestow aber auch auf moderne Technik. Mittels sogenannter QR-Codes können sich die Besucher bald Informationen über die Apostel-Bilder von Volker Stelzmann auf ihr Mobiltelefon laden. Wer kein Handy besitzt, nimmt sich alternativ ein Faltblatt mit den Erklärungen mit. "So können sich die Besucher der Autobahnkirche auch auf der Weiterfahrt noch mit den Bildern beschäftigen", erklärt Bernhard Schmidt. Stelzmanns Bilder sind die Attraktion der Kirche, sorgen gleichzeitig aber auch für zusätzliche Kosten nicht bloß wegen des Kaufpreises von 120000 Euro. Hinzu kommen die Kosten für Spezialglas und Alarmanlage, mit der die Bilder gesichert werden, und eine teure Versicherung. "Wir hoffen, dass wir die Kosten durch Kollekten, Spenden und den Postkartenverkauf wieder reinbekommen", so Schmidt.

Stelzmanns berühmte Apostel

"Das andere Altarbild" nannte die Berliner St. Matthäus-Kirche eine Ausstellungsreihe, in der sie vor zwölf Jahren die zwölf Apostelbilder von Volker Stelzmann ausstellte. Nun sollen die Arbeiten für die Autobahnkirche Zeestow angekauft werden. Die Bilder des gebürtigen Dresdners waren 1988 entstanden und zeigten Apostelbilder in modernem Gewand. Stelzmann verband darin gegenwärtige Straßenszenen mit biblischen Stoffen.
Volker Stelzmann gehört zu den bekanntesten deutschen Malern der Gegenwart. Er hatte nach einer Lehre als Feinmechaniker an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig studiert. Seinen Arbeiten ist die intensive Auseinandersetzung mit Werken von Rosso Fiorentino, Otto Dix und der Neuen Sachlichkeit anzusehen. Stelzmann wurde 1979 Dozent an de Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, 1982 bekam er dort eine Professur, fünf Jahre später bekam er eine Gastprofessur an der Städelschule Frankfurt am Main, anschließt wurde er zum Professor für Malerei an die Berliner Universität der Künste berufen. Bis 2006 hat er hier unterrichtet. Stelzmann lebt heute in Berlin. Seine Werke sind in bedeutenden Sammlungen wie der Neuen Nationalgalerie Berlin, dem Kupferstichkabinett Dresden und dem Albrecht-Dürer-Haus Nürnberg vertreten. ms

Während im Inneren noch einiges zu tun bleibt, erstrahlt die Autobahnkirche nahe dem westlichen Berliner Autobahnring äußerlich bereits in neuem Glanz. "Außen sind wir fertig", sagt Bernhard Schmidt. Als nächstes will er das Gelände rund um die Kirche auf Vordermann bringen. Am heutigen Sonnabend ab 11 Uhr wird zunächst der Friedhof von Müll und Gestrüpp befreit und der Weg zum Eingang der Kirche gepflastert. Bernhard Schmidt hofft aber, dass sich spontan noch mehr Freiwillige zum Helfen melden, damit womöglich auch noch einige der umgekippten Grabsteine wieder aufgestellt werden können.

Schmidt würde gerne einen Rundweg über den Friedhof anlegen, einen "meditativen Gang", wie er es nennt. Vorbei an jahrhundertelalten Gräber, einer Gedenkstätte aus der Zeit der preußischen Kriege und Schmidts Lieblingsstück einem Kreuz, das mit einem Baum verwachsen ist und dessen Inschrift inzwischen nur noch zu ertasten ist. "Das ist die perfekte Symbiose aus Natur und Kultur", sagt er. An einer Autobahnkirche unweit von Magdeburg hat er sich schon einmal selbst ein Bild davon machen können, welche Kraft solch ein Friedhof ausstrahlt. "Ein absoluter friedlicher Ort", schwärmt Schmidt von seinem Besuch in Hohenwarsleben. "Ein Vorgeschmack auf den Himmel."

Das kann man von der Stelle, an der einmal die Parkplätze für die Besucher der Zeestower Autobahnkirche entstehen sollen, nicht gerade behaupten. Das dornige Gestrüpp, das dort derzeit noch wächst, wirkt nicht besonders einladend. Auch der alte Schuppen, in dem sich später die Toiletten befinden sollen, hat seine besten Tage schon hinter sich. Bis zur Eröffnung am 22. Juni wird dort nicht auch mehr viel passieren. Vor erst müssen die Gläubigen auf die sanitären Anlagen im benachbarten Rüstheim zurückgreifen, einem Freizeitheim mit 28 Betten und Selbstverpflegung.

Pfarrer Bernhard Schmidt hofft, dass auch diese Einrichtung von der Autobahnkirche profitieren wird. "Die Auslastung ist zwar schon besser geworden, aber immer noch nicht wirtschaftlich", sagt er. Durch die neue Kirche soll sich das ändern. Überhaupt erwartet Schmidt für Zeestow einen Aufschwung: "Die Ausfahrten mit Autobahnkirchen prägen sich ein. Durch die Kirche wird das hier noch richtig bekannt."

Von Philip Häfner

Märkische Allgemeine vom 05. April 2014

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