Tankstelle für die Seele

Berlin (MOZ) In wenigen Monaten bekommt der Berliner Ring eine eigene Autobahnkirche: Die Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete evangelische Dorfkirche von Zeestow wird am 22. Juni als dritte Autobahnkirche in Brandenburg eröffnet, teilte die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz am Freitag in Berlin mit.

In der Dorfkirche von Zeestow bei Brieselang (Havelland) hat schon lange kein Gottesdienst mehr stattgefunden. Die kleine Kirche ist seit Jahrzehnten verwaist. Schon in den 70er-Jahren hatte die evangelische Kirche das Gotteshaus aufgegeben. Die wenigen Gemeindeglieder sind auf die Kirche im benachbarten Brieselang ausgewichen. Zu Hause in Zeestow mussten sie zusehen, wie ihre eigene Kirche immer mehr verfiel. Das Dach ging kaputt, im Mauerwerk stieg Feuchtigkeit auf.

Ideen, das Haus zu neuem Leben zu erwecken, gab es durchaus. Die kurioseste kam von einem Unternehmer, der vorschlug, ein Möbellager in der Kirche einzurichten. Eine Entscheidung darüber wurde aber nie getroffen. Eine Gemeindeversammlung zur Zukunft der Kirche fiel aus, weil niemand kam.

Dennoch hat das hübsche Gotteshaus nun definitiv eine Zukunft. Schon vor rund zwei Jahren konnte man es hämmern und bohren hören. Bauarbeiter werkelten am Dach, am Turmschaft und der -spitze, an der Fassade und schließlich auch im Innern. Die alte Orgel steht seit Jahrzehnten in der Kirche in Falkensee. Aber eine aus rotem Backstein gemauerte Kanzel, ein Taufbecken, ein schlichter Altar, einige alte Kirchenbänke und die Fenster haben die Zeiten überdauert und wurden bis vor einigen Monaten hergerichtet.

Gerettet hat die schlichte Kirche aus der Mitte des 19. Jahrhunderts eine zündende Idee: Sie könnte doch künftig als Autobahnkirche dienen, hatte sich der Kirchenkreis Falkensee gedacht. Schließlich liegt Zeestow nur einen knappen Kilometer von der Anschlussstelle Brieselang am westlichen Berliner Ring entfernt. Die Initiatoren bemühten sich um Fördergelder - bei der Landeskirche, bei Land, Bund und EU - und waren tatsächlich erfolgreich. 900 000 Euro flossen in die Sanierung des Gotteshauses.

In Brandenburg gibt es bereits zwei Autobahnkirchen in Duben bei Lübben (Dahme-Spreewald) und Werbellin bei Eberswalde (Barnim). Bundesweit gibt es inzwischen 40 solcher Kirchen. Höchstens einen Kilometer von einer Autobahnauffahrt entfernt, dienen sie Reisenden als "Tankstelle für die Seele" und bieten Raum für das stille Gebet ebenso wie für eine kurze Pause in ruhiger Umgebung. Ein blaues Autobahnschild mit einer schwarzen Kirche auf weißem Grund weist Autofahrern den Weg. Die Zeestower Autobahnkirche wird die erste am 200 Kilometer langen Berliner Ring sein, der als längster Autobahnring in Europa gilt.

Harriet Stürmer

Märkische Oderzeitung vom 03. Januar 2014

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