Wriezen hat eine Wunde weniger

Wriezen (MOZ) Ein kleiner Schritt für das Gesamtdach, aber ein großer für Wriezen: Dass die Apsis der Marienkirche jetzt geschlossen ist, wurde am Donnerstag mit einer Bekrönungsfeier begangen. Gemeinsam brachten an dem Werk beteiligte Handwerker eine Wetterfahne am Dach an.

Setzen der Kirche die Krone auf: Torsten Weise und Dirk Schulz von der Dachdeckerei Weise befestigen die Kartuschen auf dem Dach. Toni Grüber, Thomas Meister und Robby Kaddasch von der Zimmerei Schmiechen & Grüber haben sie zuvor von Hand zu Hand das Dach
© Sören Tetzlaff

Noch sind nicht alle Ziegel auf dem Dach, aber das störte am Donnerstag niemanden. Denn dass der Chorraum geschlossen ist, dass sich etwas tut an der Marienkirche - das ist eindeutig.

"Ein sichtbares Zeichen dafür, dass es aufwärts geht", nannte Ingo Mannigel, der Vorsitzende des Fördervereins für die Marienkirche, den aktuell abgeschlossenen Bauabschnitt.

Zur feierlichen Andacht am Donnerstagnachmittag war die Notkirche gefüllt mit Menschen. Mit Wriezener Bürgern und Gemeindemitgliedern, mit am Bau beteiligten Handwerkern, mit Vertretern der Stadt und des Kirchenkreises.

Er habe beobachtet, dass die Schließung des Daches ein gewaltiges Zeichen sei, sagte der Wriezener Pfarrer Christian Moritz. "Ein Zeichen, das bedeutet: Hier wird eine Wunde geschlossen." Er dankte besonders der Stadt für ihre Unterstützung.

In seinem Grußwort betonte Bürgermeister Uwe Siebert (parteilos), dass es keineswegs selbstverständlich gewesen sei, einen Großteil der Städtebaufördermittel in den Aufbau der Kirche zu investieren. Schließlich habe die Stadt Anfang der 1990er-Jahre vor vielen Herausforderungen gestanden.

Aus seinen eigenen Erinnerungen berichtete er, wie zu DDR-Zeiten ein Bus in die Apsis gefahren sei. Daraufhin habe man überlegt, diese abzureißen. Pastor Martin Fuchs habe dies damals glücklicherweise verhindert, hob Siebert hervor. Er unterstrich das besondere Verhältnis, das die Wriezener Bürger zu ihren verbliebenen historischen Gebäude hätten.

"Menschen müssen Visionen haben", sagte Roland Kühne, Superintendent des Kirchenkreises Oderbruch in seiner Rede und appellierte an die Wriezener, weiterzumachen. Auch wenn immer weniger Menschen einer Kirche angehören solle man das große Gotteshaus wieder aufbauen, sagte er und bemühte seinerseits das Bild einer Kriegswunde, die geschlossen werde.

Die über Generationen aufgebaute Kirche in eine Ruine zu verwandeln, habe zu Kriegsende nur ein paar Tage gedauert, erinnerte der beauftragte Architekt Rainhardt Pavlitschek. Die jetzige Generation sei angetreten, um die Kirche wieder nutzbar zu machen. "Heimatgefühl ist ein Balanceakt zwischen Bewahren und behutsam Weiterentwickeln", sagte er.

In zwei Kartuschen steckte er Urkunden der am Bau beteiligten Firmen, Vereine und der Verwaltung. In einer Kette reichten die Handwerker die Rollen anschließend draußen von Hand zu Hand und befestigten diese an einem Metallstab auf dem Dach. Dann stülpten sie das Gehäuse der Wetterfahne drüber.

"Ich bin froh, dass ich das noch erleben darf", kommentierte die Wriezenerin Angela Rohde den Festakt mit einem Lächeln.

Märkische Oderzeitung vom 19. Dezember 2013

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