Bornim klingt wieder

von Ariane Lemme

Achtung, Pfützen: Noch regnet es durch das undichte Dach.
 
Von allen Rissen befreit: Das Gemäuer des Bornimer Kirchturms.
 
Lange vermisster Schmuck: Die Wimperge am unteren Dachrand.
 
Stolz auf alle Spender: Die Geimeindekirchenratsvorsitzende Brigitte Neumann.
Eine komplexe Konstruktion: Das Baugerüst konnte auf drei Seiten nur hängend angebracht werden doch das war noch das geringste Problem.
Fotos (5): Andreas Klaer

Der Turm der Dorfkirche wurde aufwendig saniert, jetzt dürfen die Glocken wieder läuten

Potsdam-Bornim - Die Glocken läuteten am Sonntagabend in Bornim nach einem Dreivierteljahr endlich wieder: Der Kirchturm ist frisch restauriert und das feierten die Kirchengemeinde Bornim und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit einem Festakt. "Der Klang der Glocken gehört zu meinem Leben dazu, schon als Kind haben sie mir die Uhr ersetzt und meinen Tag strukturiert", sagte Brigitte Neumann, Vorsitzende des Gemeindekircherates, den PNN.

Anfang Oktober 2012 waren bei den Sanierungsarbeiten am Kirchturm Risse entdeckt worden, die die Kostenrechnung für die Restaurierung hinfällig gemacht hatten. Der 54 Meter hohe Turm galt ab diesem Zeitpunkt als einsturzgefährdet, durch die Vibrationen der Glocken wurde die Statik des Baus gefährdet also mussten sie schweigen. Zu diesem Zeitpunkt war völlig unklar, ob die Arbeiten am Kirchturm weitergeführt werden konnten, denn die Kosten, die ursprünglich nur mit 200 000 Euro kalkuliert waren, stiegen auf mehr als 400 000 Euro.

"Neue Förderanträge konnten wir erst einmal nicht stellen, die Baumaßnahmen waren ja schon mitten im Gange", sagt Neumann, es mussten also weitere Spender gefunden werden. Der Kirchenkreis Potsdam reagierte schnell und schoss noch einmal 110 000 Euro zu genauso viel hatte er zuvor schon investiert. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz steuerte 20 000 Euro bei und die Stiftung Preußisches Kulturerbe gab ohne zu zögern 50 000 Euro, damit die in den 1980er-Jahren entfernten Wimperge wie geplant doch noch angebracht werden konnten.

Gemeint sind die für gotische Architektur typischen giebelartigen Bekrönungen über Portalen und Fenstern des Gotteshauses. Sie dienen nicht nur als Schmuck, sondern auch als Schutz vor Wind und Regenwasser. Ob die Maßnahme aus den 80er-Jahren auch die Entstehung der Risse begünstigt haben, lässt sich nicht nachweisen. Verantwortlich für die senkrechten, über einen Meter lange Risse im Turmgemäuer der Bornimer Kirche war vielmehr ein Stahlkorsett im oberen Teil des Turms. Das war verrostet und trieb das Mauerwerk förmlich auseinander, wie Andreas Kitschke vom Potsdamer Architekturbüro Bernd Redlich erklärte.

Das Mauerwerk musste deshalb Stück für Stück geöffnet, die alten Zuganker herausoperiert und durch neue aus Edelstahl ersetzt werden. Die aufwendige Prozedur war verantwortlich für die satten Mehrkosten. Bei den Arbeiten tauchte jedoch gleich das nächste Problem auf: Der Dachstuhl des Turms war vom Hausschwamm befallen und hätte somit ebenfalls abgetragen und neu aufgebaut werden müssen hätte man ihn nicht mit einer relativ neuen Wärmetechnik behandeln können: Über zwei Stunden mussten die betroffenen Stellen auf 60 Grad erhitzt werden, nicht nur oberflächlich, sondern bis in den Kern der Balken. "Und das im Sommer, als es ohnehin schon sehr warm war", erinnert sich Kitschke. Als auch das geschafft war, konnten die neuen Wimperge aufgesetzt werden. "Uns war klar, wenn wir es jetzt nicht machen, geschieht es nie", so Kitschke. Denn eine der Spezialitäten des Architekten Ludwig von Tiedemann, der die Kirche im neugotischen Stil zwischen 1901 und 1903 auf Betreiben der Kaiserin Auguste-Viktoria baute, war ein seitlich am Kirchenschiff stehender Turm. Das erfordert eine komplizierte und ebenfalls kostspielige Gerüstkonstruktion bei allen Bauarbeiten.

Am Sonntag haben deshalb einige der rund 50 Gemeindemitglieder, die zum Festakt gekommen waren, die Gelegenheit genutzt, um mit dem Fahrkorb am Gerüst auf den Turm hinaufzufahren und die neuen Wimperge aus der Nähe zu betrachten. "Das wird so bald nicht wieder möglich sein", mahnte Neumann. Auf sie und die insgesamt 500 Kirchengemeinde-Mitglieder wartet schon das nächste Projekt die Sanierung des kupfernen Kirchendachs. Erst am Sonntagmorgen hatten sich wieder Pfützen auf der Orgelempore und auf dem Boden gebildet, denn es regnet herein. Das wird vermutlich noch einmal rund 900 000 Euro kosten, schätzt Neumann. Dafür will sie im kommenden Jahr erste Förderanträge stellen. Entmutigen lässt sie sich von dieser Summe nicht, schon gar nicht jetzt, wo die Glocken von Bornim wieder zum Gottesdienst rufen. Die sind übrigens deutlich älter als die Kirche selbst, sie wurden um 1400 gegossen.

Potsdamer Neueste Nachrichten vom 14. Oktober 2013

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