Beten am Rastplatz

ZDF-Fernsehgottesdienst in der künftigen Autobahnkirche Zeestow

Beten und Singen gehört für Pfarrer Bernhard Schmidt zum Tagesgeschäft. Zur Puderquaste aber greift er vor dem Gottesdient nur, wenn sich das Fernsehen ankündigt. Ein Besuch beim ZDF-Fernsehgottesdienst in Zeestow.

Vor dem Gottesdienst belehrt Pfarrer Bernhard Schmidt die Gläubigen.  Quelle: Peter-Paul Weiler
 

Zeestow. Bernhard Schmidt hat in seinem Leben schon viele Predigten gehalten, Gebete gesprochen und Lieder gesungen, doch eine Sicherheitsbelehrung, wie man sie sonst nur aus dem Flugzeug kennt, musste der Pfarrer bislang nicht vortragen. Bis gestern. Vor dem ZDF-Fernsehgottesdienst in der künftigen Autobahnkirche in Zeestow wies der Geistliche die Besucher vorsichtshalber auf die beiden Notausgänge hin. Das Gotteshaus wird derzeit saniert und gleicht noch immer einer Baustelle. Es könne deshalb sein, dass ein wenig Putz aus der Decke falle, so Bernhard Schmidt.

Am Ende ging alles gut. Nichts bröckelte, und er und seine Kollegin Rajah Scheepers brachten den Gottesdienst pünktlich auf die Minute zu Ende. "Bei der Generalprobe am Sonnabend hatten wir noch drei Minuten Überlänge, so dass wir die Predigt straffen und zwei Strophen streichen mussten", sagte Schmidt, zugleich auch Superintendent des Kirchenkreises Falkensee. "Wir sind hier eben nicht bei ,Wetten, dass . . .", ergänzte Rajah Scheepers. "Wenn die Sendezeit abgelaufen ist, schmeißen sie dich gnadenlos raus."

Auch an andere Gepflogenheiten der Fernsehwelt mussten sich die Beteiligten erst gewöhnen. Einen der Sänger schickte der Produktionsleiter noch einmal nach Hause, damit er sich ein anderes Oberteil anziehen konnte. "Ein gestreiftes Hemd flimmert", erklärte der Mann vom ZDF. Er legte auch Wert darauf, dass alle Mitwirkenden vor der Sendung noch schnell gepudert wurden. "Die Kamera sieht schließlich mehr als das menschliche Auge."

Anlass für den Besuch des Zweiten Deutschen Fernsehens war der gestrige Tag der Autobahnkirchen. 40 davon gibt es derzeit in Deutschland die Kirche in Zeestow soll bald die 41. werden. Ein "Rastplatz für die Seele", wie sich Michael Peukert ausdrückte, der Präses des Kirchenkreises Falkensee. Er kam während der 45-minütigen Live-Sendung ebenso zu Wort wie Zeestows Ortsvorsteherin Marianne Schulze. "Am Morgen war ich so aufgeregt, ich hatte Blutdruck 191", sagte sie. Pfarrerin Rajah Scheepers erging es ähnlich: "Ich hatte große Angst davor, husten zu müssen. Man hat ja schließlich nicht jeden Tag 700 000 Zuhörer."

Marianne Schulze erinnerte in ihrer kurzen Ansprache noch einmal an die bewegte Vergangenheit der Zeestower Kirche. Zu DDR-Zeiten war das Gebäude zunehmend verfallen, bis in den Siebzigerjahren schließlich die völlig marode Turmhaube abgenommen werden musste. Die Kirche wurde gesperrt, vor den Türen hingen dicke Vorhängeschlösser. "Aber nun wird daraus bald wieder eine offene Kirche werden, in der jeder willkommen ist", sagte Pfarrer Bernhard Schmidt. Eine Kirche, in der wieder geheiratet und gebetet wird, in der Kinder getauft und Verstorbene betrauert werden. "Es wird noch viel Mühe kosten, aber eines Tages wird sich hier wieder eine Gemeinde versammeln", war sich auch Michael Peukert sicher. "Darauf freue ich mich schon jetzt", sagte Marianne Schulze und dabei strahlte sie: "Das wird den Ortsteil weiter beleben."

Nach dem letzten Lied des Gospelchors strömten die Gäste darunter Landrat Burkhard Schröder, Brieselangs Bürgermeister Wilhelm Garn und Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg nach draußen. Manch einer bestellte sich noch die DVD mit der Aufnahme des Gottesdienstes. So auch Pfarrerin Rajah Scheepers: "Ich will ja sehen, wie ich mich geschlagen habe."(Von Philip Häfner)

Märkische Allgemeine vom 17. Juni 2013

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