Rast für die Seele

Zeestow (MOZ) Die Dorfkirche von Zeestow bei Brieselang ist seit Jahrzehnten verwaist. Doch nun wird sie zu neuem Leben erweckt. Bald schon soll das kleine Gotteshaus die erste Autobahnkirche am Berliner Ring sein.

Rund 800 Meter von der Anschlussstelle Brieselang entfernt liegt die Zeestower Kirche, die nun die erste Autobahnkirche am Berliner Ring wird.
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Seit mehr als 30 Jahren hat in der Dorfkirche von Zeestow (Havelland, Dorfkirche des Monats Januar 2011) kein Gottesdienst mehr stattgefunden. Schon in den 70er-Jahren hat die Evangelische Kirche das kleine Gotteshaus aufgegeben. Die wenigen Gemeindeglieder sind auf die Kirche im benachbarten Brieselang ausgewichen. Zu Hause in Zeestow mussten sie zusehen, wie ihre kleine hübsche Kirche immer mehr verfiel.

Vor einiger Zeit hatte ein Unternehmer vorgeschlagen, ein Möbellager in der Kirche einzurichten, berichtet Wolfgang Levin vom Förderverein Autobahnkirche Zeestow. "Nun gut. Kirchen wurden auch schon zu Pferdeställen umfunktioniert", sagt der 75-Jährige augenzwinkernd. Zu einer Entscheidung über den etwas ungewöhnlichen Vorschlag ist es nie gekommen. Eine Gemeindeversammlung zur Zukunft der Kirche fiel aus, weil niemand kam.

Und doch hat die Kirche eine Zukunft. Von innen kann man es nun hämmern und bohren hören. Bauarbeiter sind zugange, werkeln auf den Außengerüsten. Dach, Turmschaft und -spitze sind bereits erneuert. Jetzt stehen Fassade und Innenausbau an.

Gerettet hat die schlichte Kirche eine zündende Idee: Sie könnte doch künftig als Autobahnkirche dienen, hat sich der Kirchenkreis Falkensee gedacht. Schließlich liegt Zeestow nur einen knappen Kilometer von der Anschlussstelle Brieselang am westlichen Berliner Ring entfernt. Die Initiatoren bemühten sich um Fördergelder - bei der Landeskirche, bei Land, Bund und EU - und waren letztlich erfolgreich. 900 000 Euro fließen in die Sanierung des 1850 errichteten Gotteshauses. 2014 soll es als Autobahnkirche wiedereröffnet werden.

40 solcher Kirchen gibt es schon in Deutschland. Höchstens einen Kilometer von einer Autobahnauffahrt entfernt, dienen sie Reisenden als "Tankstelle für die Seele" und bieten Raum für das stille Gebet ebenso wie für eine kurze Pause in ruhiger Umgebung. Ein blaues Autobahnschild mit einer schwarzen Kirche auf weißem Grund weist Autofahrern den Weg. Auch in Brandenburg, wo es Autobahnkirchen bislang im Spreewald an der Ausfahrt Duben der A13 nach Dresden und an der Ausfahrt Werbellin der A11 in Richtung Stettin gibt.

Die Zeestower Autobahnkirche wird die erste am Berliner Ring sein. Doch ihre Lage soll nicht das einzige Alleinstellungsmerkmal bleiben. Beim Förderverein ist man bemüht, einen Künstler zu finden, der das Haus ausgestaltet. Findet sich dafür ein bekannter Name, kann allein schon diese Tatsache dafür sorgen, dass Menschen anhalten, ist Levin überzeugt. Mit historischen Ausstattungsgegenständen jedenfalls kann die Kirche nicht punkten. Die alte Orgel steht seit Jahrzehnten in der Kirche in Falkensee. Nur eine aus rotem Backstein gemauerte Kanzel, ein Taufbecken, ein schlichter Altar, einige alte Kirchenbänke und die Fenster haben die Zeiten überdauert und werden jetzt hergerichtet.

Gleichzeitig bereitet sich der Kirchenkreis mit vielen Helfern wie Wolfgang Levin auf einen Fernsehgottesdienst vor, der an diesem Sonntag - dem offiziellen Tag der Autobahnkirchen - von 9.30 bis 10.15 Uhr vom ZDF live aus der künftigen Autobahnkirche übertragen wird. Direkt von der Baustelle. Er berichtet vom Mut und vom Einsatz jener, die sich nicht damit abfinden wollten, dass eine Kirche verfällt. Und von der Perspektive, dass nun am Rande der hektischen Autobahn eine Oase entsteht - eine Raststätte der Seele. Die Predigt hält Pfarrer Bernhard Schmidt aus Groß Glienicke, der zur Leitung des Kirchenkreises gehört.

Wer das Geschehen nicht vorm eigenen Bildschirm verfolgen will, kann sich auch zum Public Viewing auf dem Pfarrhof im benachbarten Wustermark aufmachen. In der Kirche selbst haben nur etwa 140 geladene Gäste Platz. Dabei sein wird unter anderem die SPD-Bundestagsabgeordnete Angelika Krüger-Leißner, die das Projekt von Anfang an unterstützte und sich für Bundesfördermittel einsetzte.

Märkische Oderzeitung vom 14. Juni 2013

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