Schlafen unterm Glockenstuhl

Barsikow (MOZ) Wenn am Nachmittag um 17 Uhr die Kirchenglocken in Barsikow (Ostprignitz-Ruppin) läuten, sind die Pilger oft noch unterwegs. Sollten sie dennoch bereits ihr Herbergsquartier bezogen haben, dürfte es kurzzeitig laut werden, denn die Unterkünfte befinden sich direkt unter dem Glockenstuhl. Diese seit einem Jahr existierenden Schlafgemächer für Pilger und andere Wanderer sind einzigartig in Brandenburg.

Guten Morgen, aufwachen! Klaus Grützmacher hat bei dem Glockengeläut noch keinen Pilger erlebt, der verschlafen hat.
© Sören Stache
 
Schlicht, aber zweckmäßig: Zehn Pilger können in der Kirche übernachten, Duschen und Toiletten sind vorhanden.
© Sören Stache

Bei den Grützmachers waren Gäste schon immer willkommen. Seitdem sie ab dem Jahr 2000 im 200-Seelen-Dorf Barsikow wohnen, klopften etliche Wanderer an ihre Tür, um für eine Nacht Unterschlupf zu finden. Dies hatte sich im Ort herumgesprochen. Die Wanderer schlenderten nicht ohne Ziel durch die Gegend um Kyritz, sondern waren auf dem Pilgerweg von Berlin nach Bad Wilsnack. Als dieser 2006 offiziell eingeweiht wurde, machten sich noch mehr Leute auf den Weg zur inneren Einkehr, so dass Klaus und Hildegard Grützmacher ihr Häuschen oft mit anderen teilten. "Wir haben extra ein Gästezimmer eingerichtet, aber auch diese fünf Plätze reichten oft nicht aus. Dann mussten wir absagen", erzählt der 66-Jährige.

Doch seit dem letzten Jahr wohnen die Grützmachers wieder meist allein. Nicht, dass die Schar der Pilger abgenommen hätte, sondern seit genau einem Jahr gibt es eine ganz besondere Pilger-Unterkunft in Barsikow: Schlafplätze im Glockenturm der Dorfkirche. Eine solche Herberge findet sich in ganz Brandenburg nirgends.

2005 hatte sich im Ort der "Freundeskreis der Dorfkirche Barsikow" gegründet und zum Ziel gesetzt, die rechteckige, Ende des 12. Jahrhunderts errichtete Feldsteinkirche zu sanieren. "Aber wenn wir schon sehr viel Geld in das Gotteshaus stecken, sollte sie auch mehr genutzt werden", schaut Klaus Grützmacher auf die Debatte in jener Zeit zurück. Ein Museum war ebenso im Gespräch wie ein Treffpunkt des Freundeskreises und für Veranstaltungen. Doch es war auch in Barsikow zu spüren, dass mit der Eröffnung des 130 Kilometer langen Pilgerweges zur Wunderblutkirche in Bad Wilsnack immer mehr Rucksackwanderer durch das Dorf zogen. So entstand die Idee einer Pilger-Herberge.

Nachdem zunächst das Dach des Glockenturmes saniert und erneut Gelder für den Fortgang der Arbeiten gesammelt wurden, entstanden auf zwei Ebenen im Kirchturm insgesamt zehn einfache Schlafplätze, die nur durch eine Treppenlänge vom Glockenstuhl entfernt sind. Die Duschen und Toiletten fanden ihrer Platz unter der Orgelempore, eine kleine Kaffeeküche wurde unter dem Turmaufgang eingebaut. Trotz der vielen Behördengänge, die wegen des Denkmalschutzes, der Sicherheitsbestimmungen und der Hygiene notwendig waren, ist Klaus Grützmacher froh über die entstandene Herberge, die er und seine Frau seitdem betreuen. Über 70 Pilger hatten im ersten Jahr im neuen Schlafgemach der Kirche genächtigt, obwohl sich die ungewöhnliche Adresse noch nicht so recht herumgesprochen hatte. Ohne den Pilgerweg nach Bad Wilsnack hätte es diese ungewöhnliche Herberge nie gegeben.

Wilsnack gehörte im Mittelalter neben Rom, Santiago de Compostela (Jakobsweg), Jerusalem und Lourdes zu den fünf bedeutendsten Wallfahrtsorten. Man nannte den Westprignitzer Ort auch "Santiago Nordeuropas". Die Pilger kamen aus dem gesamten nordeuropäischen Raum, von den Britischen Inseln, aus Flandern und Skandinavien, dem Baltikum sowie aus Polen, Tschechien und Ungarn. Wilsnack hatte seine frühere Berühmtheit einem Raubritter namens von Bülow zu verdanken. Er hatte mit seinem Gefolge am 16. August 1383 das Dorf samt Kirche niedergebrannt, während die Bewohner für drei Tage zum Havelberger Markt unterwegs waren. Als der damalige Pfarrer Johannes Chabbuez zwölf Tage später wieder einmal durch die Trümmer seiner Kirche irrte, entdeckte er plötzlich drei geweihte, blutbefleckte Hostien (hostia lat. für Opfertier, Schlachtopfer), die dem Brand standgehalten hatten. Mit dieser Nachricht, einer Botschaft Gottes, wandte er sich sogleich an den Papst. In Rom wurde dieser Fund als "Hostienwunder" eingestuft, so dass er dem Pfarrer übermitteln ließ, dass sich seine Kirche fortan als Wallfahrtsort bezeichnen durfte. Das "Wunderblut" und die drei Hostien, die in einem Schrein aufbewahrt wurden und vor dem die Gläubigen niederknieten, zog viele Katholiken an, die hier ihre Sünden mit einem Ablass tilgen wollten.

Doch die Reformation machte auch vor Wilsnack nicht halt. Mit ihr nahm auch die Wallfahrt ab 1517 ab. Das Jahr 1552 setzte der Pilgerei dann ein jähes Ende. Nachdem in der Wilsnacker Kirche einige Jahre lang sowohl katholische als auch reformatorische Predigten gehalten wurden, griff der erste alleinige evangelische Pfarrer Ellefeld die drei Bluthostien und verbrannte sie. Damit endete die Wallfahrt nach 170 Jahren. Weitere 450 Jahre später wurde der einstige Pilgerweg nun wiederbelebt.

Wer als Pilger in Berlin-Mitte gestartet ist und nun in Barsikow ankommt, der hat noch ein Drittel des Weges bis nach Bad Wilsnack vor sich. Gern begrüßen die Grützmachers die jeweiligen Neuankömmlinge. Bei vorheriger Anmeldung kaufen sie entsprechend der Wünsche ihrer Gäste ein und deponieren die Sachen im Kühlschrank der Herberge. Und am nächsten Morgen spaziert der Herbergsvater mit seinem Hund zur Kirche und bringt ein paar Gedanken aus dem Buch "Gottes Wort für jeden Tag" mit, das sich die Grützmachers auch zu Hause gern gegenseitig vorlesen. Wer allerdings am 1. Juni dieses Jahres in Barsikow Ruhe und Einkehr sucht, wird sicherlich enttäuscht sein. Dann feiert das Dorf seine aus dem Jahr 513 stammenden Kirchenglocken mit einem großen Jubiläumsfest.

(Kontakt: 033978/70938; Unterkunft: 12,50 Euro pro Übernachtung)

Märkische Oderzeitung vom 19. März 2013

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