Kein Raum im Gotteshaus

Weltliche Trauerfeiern in Wuster Kirche abgelehnt

BRANDENBURG/H. - Das kleine Backsteingebäude auf dem Wuster Friedhof hat keine Fenster, kein Licht, zusammengewürfeltes Gestühl. Bei weltlichen Trauerfeiern berühren sitzende Angehörige den Sarg fast mit den Knien. Der größte Teil der Trauergesellschaft muss dem Redner draußen lauschen, was bei Kälte und Wind alles andere als angenehm ist. Seit vor gut einem Jahr ein Carport errichtet wurde, müssen die Menschen wenigstens nicht mehr alle im Regen stehen.

"Ich finde das diskriminierend", sagt Kulturwust-Chef Gerhard Schneider. "Kein würdiger Raum", bestätigt Olaf Rauhöft von Arnold-Bestattungen. So kleine Trauerhallen gebe es bis auf wenige Ausnahmen kaum noch auf den Dörfern. Die Stapelstühle bringt das Unternehmen zu Beerdigungen mit. "Als das Vordach in Wust noch nicht war, hatten wir auch einen Pavillon dabei", berichtet er.

Mit der Bitte, die Wuster Kirche für weltliche Trauerfeiern zu öffnen, hatte sich der Förderverein, der sich für ihren baulichen Erhalt sowie deren Nutzung zu liturgischen, kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Zwecken engagiert, bereits im Herbst 2011 schriftlich an den evangelischen Gemeindekirchenrat und Pfarrer Gramsch gewandt. "Wir haben uns als Interessenvertreter der Bürger gesehen", sagt Schneider. Im Dorf hätten damals etwa Dreiviertel der Wuster auf einer Liste unterschrieben. Für entstehende Unkosten war man bereit, einen Beitrag von Nichtkirchenmitgliedern zu erheben, da sie keine Kirchensteuer zahlen. Bei der Abstimmung habe sich Gramsch, der wie die drei Wuster Kirchenältesten im Verein ist, enthalten. Da ein Jahr lang nichts passierte, bat Schneider im September 2012 den neuen Superintendenten des Kirchenkreises Mittelmark-Brandenburg, sich für den Wunsch der Wuster zu verwenden. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Kirche zu anderen Veranstaltungen offen ist und ausgerechnet zur Beerdigung die Leute trenne. Der Gemeindekirchenrat treffe die Entscheidung, hieß es.

Die Ablehnung kam jetzt: Pfarrer Rasmus Gramsch verweist auf eine "sorgfältige Abstimmung" mit Kirchenkreis und Landeskirche, die den Rahmen setze und von der "Gefahr der Verwechselbarkeit" spreche. "Weltliche Beisetzungen stehen in direkter Konkurrenz zu kirchlichen", heißt es. In der Handreichung "Kirchen Häuser Gottes für die Menschen" seien nichtkirchliche Trauerfeiern als "nicht angemessene Nutzung" aufgeführt. Ausnahme wäre, wenn der Friedhof keine Kapelle hätte oder es sonst im Dorf keine andere Möglichkeit gäbe, das Gotteshaus also einziger Raum für Beisetzungsfeiern wäre. Für Wust treffe das nicht zu. Kein Kirchenmitglied zu sein, sei eine persönliche Entscheidung, "die zu einer Beisetzungsfeier außerhalb der Kirche führt", schreibt Gramsch. In der bisweilen zynisch wirkenden Erklärung lädt er zu Taufe oder Wiedereintritt ein.

"Für mich ist die Kirche kein Glaubenstempel, sondern ein Ort der Geborgenheit", sagt Schneider, der sich als "gottesfürchtigen Atheisten" bezeichnet. Aus seiner Sicht habe sie sich ein Eigentor geschossen. "Es wäre eine Chance gewesen, auf die Leute zuzugehen und dort abzuholen, wo sie sind", sagt Schneider, der sich wünschen würde, dass man sich auf sich auf Landesebene politisch mit diesem Thema befasst. "Wust ist kein Einzelfall." (Von Claudia Nack)

Märkische Allgemeine vom 25. Februar 2013

   Zur Artikelübersicht