Das Wunder von Gadow

Kirche öffnet nach 33 Jahren am Sonntag mit einem Festgottesdienst wieder als Dorfzentrum

GADOW In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wurden seit 1990 Hunderte Kirchen vor dem Verfall gerettet. Als Glücksfall gilt die Kirche von Gadow am ehemaligen Truppenübungsplatz bei Wittstock. Engagierte Menschen aus beiden Ländern halfen bei der Sanierung.

 
Handwerkskunst: Friedrich Drese baut die Orgel aus dem Jahr 1856 wieder auf.
Foto: dpa

Das Wunder von Gadow (Prignitz) steht mitten im Dorf es ist die große Kirche. Nach 33 Jahren Schließung öffnet das denkmalgeschützte Bauwerk am Sonntag mit einem Festgottesdienst wieder seine Pforten. "Die Leute wollten ihre Kirche wieder und es hat geklappt", freut sich Renate Schüler. Die engagierte Frau ist alte Gadowerin, Vorsitzende des Fördervereins und Dreh- und Angelpunkt der Kirchenretter. "Allerdings haben wirklich alle im Dorf geholfen, und das ist das Wichtigste", erzählt sie. Dazu gehört auch die Rückkehr der vor elf Jahren ausgelagerten alten Orgel, die im Mecklenburgischen Orgelmuseum Malchow (Mecklenburgische Seenplatte) "Asyl" fand und saniert wurde.

Rund 250 000 Euro wurden seit dem Jahr 2000 für die Kirche gesammelt, die künftig auch die kulturelle Mitte des Dorfes am Rande des ehemaligen Truppenübungsplatzes in der Kyritz-Ruppiner Heide sein soll. In Brandenburg waren 1995 nach Angaben des Sprechers der Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Volker Jastrzembski, noch 800 von 1600 Kirchen stark gefährdet. Durch engagierte Bürger wurden inzwischen 600 der verfallenen Kirchen gerettet. So wird die Kirche in Zeestow (Havelland) derzeit als Autobahnkirche saniert, in Müncheberg (Märkisch-Oderland) zog eine Bibliothek in die Stadtkirche mit ein. "Trotzdem ist Gadow eine besondere Geschichte", sagt Jastrzembski.

Das kann Friedrich Drese als Leiter des Malchower Orgelmuseums nur bestätigen. Vorsichtig schiebt er erneuerte Zinnpfeifen ins Holz. "Das ist mit 331 Pfeifen eines der ältesten erhaltenen Instrumente des Wittstocker Orgelbauers Friedrich Herrmann Lütkemüller (1815-1897)", weiß der Fachmann. Drese freut sich, dass die Orgel künftig auch außerhalb von Gottesdiensten bei Lesungen, Ausstellungen oder Konzerten erklingen soll. "Eine Orgel muss genutzt werden und Kirchen müssten sich generell viel mehr nach außen öffnen, ein Kulturraum für den ganzen Ort werden", findet Drese.

Die besondere Historie Gadows ist auch in seiner Lage in der Kyritz-Ruppiner Heide begründet. Als im 19. Jahrhundert eine große Glashütte entstand, wuchs die Bevölkerung, so dass 1862 ein neues Gotteshaus gebaut wurde. Nach 1945 nutzte die Rote Armee die Heide, Panzer und Tiefflieger übten jahrzehntelang das Schießen. Durch die kirchenfeindliche Politik der DDR ging die Zahl der Gläubigen stark zurück, auch das Gotteshaus verfiel mangels Geld und Material.

"Wir waren nicht mehr viele", erinnert sich Schüler. Im Jahr 2000 sollte eine Protestwanderung gegen die Weiternutzung des Truppenübungsplatzes durch die Bundeswehr in der Kirche beginnen, in der die Fenster kaputt waren. "Wir machten sauber, aber es kam ein Sturm und schnell war alles wieder voller Sand." Da wurde für neue Fenster im Altarraum gesammelt. Das war der Beginn des Bürgerengagements für ihre Kirche.

Neben Konzerten planen Kirchengemeinde und Dörfler auch Theateraufführungen, Lichtbildervorträge und andere Aktivitäten in ihrem Gotteshaus. "Sachen, die mit dem Dorf zusammenpassen sollen", gibt Schüler die Meinung ihres 38 Mitstreiter starken Vereins wieder.

Zum "Wunder von Gadow" habe auch das Aus für den Tiefflug-Übungsplatz im Jahr 2009 beigetragen. "Jetzt haben wir von oben Ruhe", spielt Schüler auf den befürchteten Fluglärm an. Nur die Straßen, die das kleine Dorf früher mit Rheinsberg, Neuruppin und Berlin verbanden, müssten noch geöffnet werden. Sie führen durch munitionsbelastete Gebiete.

Winfried Wagner / dpa

Lausitzer Rundschau vom 26. Januar 2013

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