Stille Nacht

von Guido Berg

Die Glocken der Kirche Bornim läuten zu Weihnachten nicht. Risse im Turmgemäuer gefährden die Statik

  
Sprengwirkung des Rostes. Ursprünglich waren die Eisenanker des Turmes mit Bleimennige vor dem Verrosten geschützt. Nach Jahren der Witterung blank liegend, oxidierten sie mit verheerender Wirkung.
Fotos: Andreas Klaer

Bornim - Die etwa 500 Bornimer Christen werden in diesem Jahr nicht durch Glockengeläut zum Weihnachtsgottesdienst gerufen. Ursache dafür sind senkrechte, über einen Meter lange Risse im Turmgemäuer der Bornimer Kirche, die erst nach dem Aufbau der Baugerüste in 30 Meter Höhe entdeckt wurden. Zuvor war der Zustand des 54 Meter hohen Turms nur mithilfe eines Feldstechers begutachtet worden. Durch die Vibrationen der Glocken würde die Statik des Baus gefährdet. "Wir dürfen sie zu Weihnachten nicht läuten", zum ersten Mal in der 109-jährigen Geschichte der Kirche überhaupt, sagt Brigitte Neumann bedauernd. "Der Schock in der Gemeinde war schon groß", berichtet die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates weiter: "Glocken haben eine große Bedeutung, sie begleiten das Leben der Christen und läuten bei Taufe, Heirat und Tod und allen wichtigen Ereignissen."

Der Fund der Risse im Turm der 1903 nach Entwürfen von Ludwig von Tiedemann errichteten Kirche ist aber auch aus finanziellen Gründen ein schwerer Schlag für die kleine Gemeinde. Eigentlich sollte die Sanierung nur etwa 200 000 Euro kosten; eine ganze Reihe von Fördermittelgebern steht bereit, um die Summe zusammenzubringen, vom Landeskulturministerium bis zum Kirchenkreis Potsdam. Doch die bisherigen Kalkulationen sind auf einen Schlag Makulatur geworden. Mit Kosten von bis zu 423 000 Euro ist jetzt zu rechnen, erläutert Brigitte Neumann und weiß, mit Plätzchenbackaktionen zugunsten der Turmsanierung, wie sie schon mehrmals stattfanden, wird der Betrag nicht aufzubringen sein.

Freilich ließe sich die Summe durch Verzicht auf das Wiederanbringen sogenannter Wimperge auf 380 000 Euro senken. Ein Wimperg ist in der Architektur der Gotik eine giebelartige Bekrönung über Portalen und Fenstern. Die Wimperge an der Bornimer Kirche waren in den 1980er Jahren entfernt worden, warum, vermag Neumann nicht zu sagen. Offenbar waren die gemauerten Bauteile nicht nur beschädigt, sondern wurden auch für reines Schmuckwerk gehalten, aber weit gefehlt: Der Ursprung des Wortes Wimperg liegt im mittelhochdeutschen Begriff "wintberge" "was vor dem Wind schützt, birgt". Und nicht nur vor dem Wind, sondern insbesondere vor dem Regenwasser. In den Jahrzehnten ohne die Wimperge rann das Wasser die Turmmauern herab "und hat die Fugen ausgewaschen", erzählt Neumann.

Ob es einen Zusammenhang zwischen dem Fehlen der Wimperge und der Risse gibt, ist unklar. Sicher ist: "Das Stahlkorsett des Turms ist verrostet, das treibt das Mauerwerk auseinander", wie Andreas Kitschke vom Potsdamer Architekturbüro Bernd Redlich den PNN vor Ort erläuterte. Rost habe das neunfache Volumen von Eisen, die Sprengwirkung sei "schlimmer noch als bei Eis". Tatsächlich klaffen riesige Spalten im Gemäuer, ohne eine Sanierung wäre ein Umstürzen des Turms eines Tages möglich gewesen, sagt Kitschke. Die alten Zuganker müssten nun "aufwendig rausoperiert" und durch neue aus Edelstahl ersetzt werden, daher die satten Mehrkosten. Brigitte Neumann wünscht sich sehr, dass auch die Wimperge rekonstruiert werden können: "Wir würden den Turm gern so wiederherstellen, wie er 1903 war." Die Frage sei nur: "Können wir uns das leisten?"

Die Hoffnungen in Bornim liegen jetzt zunächst beim Kirchenkreis Potsdam. Zur Frage, ob dieser seinen Beitrag für die Sanierung des Bornimer Kirchturms erhöhen kann, werde es in Kürze ein Gespräch geben, sagt Neumann. Doch auch Spenden sind willkommen: Beim Gottesdienst am vergangenen Sonntag verteilte der Bornimer Kirchenbauverein e.V. ein Flugblatt mit der Überschrift "SOS Kirchturm". Wunsch und Ziel sei es, heißt es da, dass die Bornimer Christen "beim nächsten Weihnachtsfest gemeinsam singen: ,Süßer die Glocken nie klingen "

"Wenn alles gut geht" der Winter ist mild und die Mittel kommen zusammen könnten Bornims Kirchenglocken bereits schon Ostern 2013, ganz sicher aber zu Pfingsten wieder läuten, hofft die Gemeindekirchenratsvorsitzende. Aber selbst dann, nach erfolgreicher Turmsanierung, bleibt die Bornimer Kirche ein Sorgenkind. Der Grund: "Das Dach ist undicht, es regnet durch", sagt Neumann. Doch eine Finanzierung der Dachsanierung stehe noch völlig in den Sternen: "Die Aufgaben gehen nicht aus."

Damit beim nächsten Weihnachtsfest die Glocken wieder erklingen können bittet der Bornimer Kirchenbauverein e.V. um Spenden:

Bornimer Kirchenbauverein e.V.
Mittelbrandenburgische Sparkasse - BLZ 160 500 00 - Kontonummer 350 800 2410 - Zweck: SpendeKirchturm Bornim

Potsdamer Neueste Nachrichten vom 19. Dezember 2012

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