Ein ganzes Dorf in Schwung

Von: Heiko Krebs

 
Ute Röhr, Anette Hirseland und Nora Brieger blättern in der Kirchenchronik. Foto: Heiko Krebs

Die jüngste Tochter von Doris Brieger war das letzte Kind, das in der Dorfkirche von Harnekop (Landkreis Märkisch Oderland) getauft worden ist. 26 Jahre ist das her. Kurz nach der Taufe wurde das Gebäude 1986 baupolizeilich gesperrt und durfte seither nicht mehr betreten werden. Nun wünscht sich die alteingesessene Harnekoperin, dass hier im kommenden Frühjahr ihr Enkelkind getauft werden kann. Die Chancen stehen gut.

Ein Förderverein, zu dem auch Doris Brieger gehört, setzt sich dafür ein, dass die Kirche wieder instandgesetzt wird. Mit erstem Erfolg. Nach einer "Notsanierung" im Oktober, bei der ein Stützgerüst aus Holzpfählen und Verstrebungen im Innenraum errichtet worden ist, konnte das turmlose Kirchlein auf dem Dorfanger am 1. Adventssonntag, dem 2. Dezember, zum ersten Mal wieder zu einer Andacht öffnen. 60 Menschen waren dabei.

Auf den Startschuss gewartet

Im August 2010 war der Verein gegründet worden. Der 70-jährige Peter Briesemeister hatte mit den Anstoß dazu gegeben und führt heute den Vorsitz. "Die Leute im Dorf haben auf diesen Startschuss nur gewartet", meint Anette Hirseland, die 1986 nach Harnekop "eingeheiratet" hatte. Zur Vereinsgründung hätten sich 18 Mitglieder gefunden, inzwischen seien es schon mehr als 30, berichtet sie. Zu ihnen gehören auch viele ehemalige Harnekoper. Am weitesten weg in Winsen an der Luhe lebt der 90-jährige Karl Voigt. Nora Brieger, "Wochenend-Harnekoperin", die bald ihr Baby erwartet, erzählt begeistert, wie sich viele Menschen des 120-Seelen-Dorfes in den Verein einbringen. "Die Leute setzen sich spontan in ihrer Freizeit zusammen, haben Ideen, planen Veranstaltungen." Selbst ungeahnte Begabungen Einzelner treten zutage. Der Verein bringt das Dorfleben wieder in Gang, das jahrelang völlig brach lag. Der Gasthof gegenüber der Kirche, der "Konsum" und die Post sind geschlossen. "Man kennt kaum noch die Namen der Nachbarn", klagt Anette Hirseland. Jetzt würden "schon wieder ein paar Sätze mehr miteinander gesprochen".

Kirchengemeinde zerbrochen

Mit der Schließung der Kirche sei auch die rund 40 Mitglieder zählende Kirchengemeinde von Harnekop zerbrochen, sagt Noras Mutter. In den Kirchen der umliegenden Orte fühle man sich fremd. Gerade die Älteren seien eben "auf ihrer Kirchenbank im Dorf zu Hause".

Wann die aus dem Mittelalter stammende Dorfkirche wieder soweit hergerichtet sein wird, dass es regelmäßig Veranstaltungen gibt, "weiß Gott allein", sagt Anette Hirseland. Zunächst müssen Gutachter das Bauwerk "gründlich unter die Lupe nehmen". Die Bauarbeiten erfolgten dann in Teilschritten. "Wir wollen nicht von heute auf morgen eine neue Kirche haben", betont die Vizechefin des Vereins. Ziel sei es, dass die Dorfbewohner miteinander daran arbeiteten.

Die Kirche vom 05. Dezember 2012

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