Liebe auf den ersten Blick

Theatertruppe zelebriert in Bechlin vor 90 begeisterten Zuschauern Oscar Wilde

Neuruppin - Da haben sich zwei gefunden. Der eine ist der Förderverein Dorfkirche Bechlin in Neuruppin, der andere das Team von "Theater in der Kirche". Das Ergebnis dieser fruchtbaren Liason war am Sonnabend eine hinreißende Aufführung von Oscar Wildes "Bunbury oder Ernst muss man sein".

Der Bechliner Förderverein hat es sich zum Anliegen gemacht, mit Veranstaltungen Geld für die Sanierung des Gotteshauses zu sammeln. So fanden in diesem Jahr bereits ein Rap-Auftritt, ein Büchertausch-Tag, ein Streichkonzert statt – das alljährliche Sternchen-Fest im Dezember soll folgen. "Wir sind sehr gespannt auf den heutigen Höhepunkt", sagt Andreas Schulz vom Verein. "Theater wollten wir endlich auch einmal in der Kirche haben."

Das kommt den Mimen um Regisseurin Elena Brückner nur entgegen. Die im Stil der Wandertheater herumreisende Truppe freier Schauspieler will abseits etablierter Bühnen Kultur in den ländlichen Raum bringen. Die Spenden für die eintrittsfreien Aufführungen kommen sowohl dem Unterhalt der Truppe als auch der gastgebenden Kirche zugute. Eine Win-Win-Situation, bei der in Bechlin auch gut 90 Zuschauer auf ihre Kosten kamen.

Auch im Stück haben sich die Paare letztlich gefunden. Findelkind Jack Worthing ist unsterblich verliebt in Gwendolen, die Cousine seines Freundes Algernon Moncrieff, und erfindet einen Bruder Ernst als Alibi für seine Aufenthalte in London. Unter diesem Namen gewinnt er die Gunst seiner Angebeteten. Der leichtlebige, chronisch bankrotte Algernon verschafft sich als Jacks vermeintlicher Bruder Zugang zu dessen Landsitz und erliegt prompt den Reizen von Jacks Mündel Cecily. Auch sie ist nicht abgeneigt – ein Mann namens Ernst erscheint ihr als Inbegriff der Vollkommenheit. Jack wiederum duldet dies nur zähneknirschend, ist aber auf Algernons Schweigen angewiesen, damit dieser nicht seinen Schwindel auffliegen lässt. Die Damen finden es indes gar nicht komisch, beide mit Ernst verlobt zu sein. Letztlich jedoch klären sich sämtliche Missverständnisse auf, sogar das Geheimnis von Jacks unstandesgemäßer Herkunft, die einer Verbindung mit Gwendolen bislang im Wege stand.

Das Stück von Oscar Wilde sprüht vor geschliffenen Dialogen, Bonmots und Wilde’schen Zynismen über die Ehe und gesellschaftliche Dogmen. Die Schauspieler zelebrieren die schrägen Figuren angemessen karikiert. Herrlich, wenn der ständig sandwich- und muffinkauende Algernon (Tobias Grabowski) den seriösen Jack (Hannes Lindenblatt) um den Finger wickelt. Antje Gospodar ist eine überschwängliche Gwendolen, während Julia Klein die Cecily zwischen naiver Schwärmerei und weiblicher Koketterie schön in der Balance lässt. Sabine Sommerfeld als aufgeblasen-berechnende Lady Bracknell wird ihrer Rolle ebenso gerecht wie Elisabeth Degen als alte, verliebte Jungfer Miss Prism. Constantin Gieseler glänzt in einer Doppelrolle als lakonischer Diener und tüdeliger Pfarrer, während Regisseurin Brückner die allwissende Kammerzofe mit süffisantem Dauerlächeln mimt.

Ein Fest fürs Auge auch das Bühnenbild. Das üppig-romantische Interieur des Londoner Adelshauses sowie das des verspielten Landsitzes verschmelzen ganz wunderbar mit dem barock-goldenen Innenleben der Bechliner Kirche. Bitte mehr davon! (Von Regine Buddeke)

Langer Atem

Juliane Becker kann vor den rührigen Förderern der Kirche Bechlin nur den Hut ziehen

Was wäre manche Kirche ohne ihren Förderverein? Verfallen, vergessen, verlassen. Stellvertretend für viele rührige Initiativen haben die Förderer der Kirche Bechlin am Sonnabend erneut gezeigt, wie sehr ihnen der Erhalt des Zentrums für die gläubige Dorfgemeinschaft am Herzen liegt.

Das Konzept war diesmal so einfach wie bestechend: Eine Theatergruppe, die Kultur aufs platte Land bringen will, spielt bei freiem Eintritt gegen Spenden. Der Erlös kommt zu einem Teil der Truppe selbst, zum anderen dem Spielort zugute. Und wieder ist der Förderverein seinem Ziel ein Stück näher: die Kirche Schritt für Schritt zu sanieren. Das Theater-Gastspiel vor voll besetzten Bänken hat an einem Nachmittag Geld in die Kasse gespült, das mit dem Klingelbeutel mühsam und langwierig hätte gesammelt werden müssen.

Ein Ereignis ist kaum über die Bühne, da bereitet sich die muntere Truppe schon auf das nächste vor. Auch vom Sternchenfest soll das Gotteshaus profitieren. So bleibt das Kirchlein immer im Gespräch. Neben einem langen Atem beweisen die Bechliner und viele andere Fördervereine schier unerschöpflichen Ideenreichtum. Alle arbeiten ehrenamtlich zum Wohle der Gesellschaft. Vor so viel Idealismus kann man nur den Hut ziehen.

Märkische Allgemeine vom 01. Oktober 2012

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