Einblicke in Bauwerk voller Besonderheiten

 
Auch der Fußboden im Schiff war eine der Herausforderungen: Dirk Heise (l.) vom Angermünder Architekturbüro führt eine Gruppe Interessenten durch die sanierte Prötzeler Schlosskirche.
© Thomas Berger

Prötzel (bg) Zum Tag der Architektur wird einmal jährlich im Sommer eingeladen. Zu den spannenden Objekten, die am Sonntag Interessenten anlockten, gehörte diesmal auch die im Vorjahr nach der Sanierung fertiggestellte Schlosskirche in Prötzel.

Dirk Heise vom Angermünder Architekturbüro ALV, in Vertretung seiner Chefin Bettina Krassuski gekommen, macht es selbst sichtlich Spaß, bei den drei Führungen insgesamt zwischen 30 und 40 Besucher viel Interessantes zum Gebäude darzulegen. Das Team aus der Uckermark ist auf Kirchen spezialisiert, "an 15 solchen Projekten sind wir momentan beteiligt", doch jedes hat eben seine Eigenheiten. Auch Prötzel war mit einigen besonderen Herausforderungen gespickt, die Heise beim Rundgang ausführlich erklärt.

Beim Fußboden im Kirchenschiff beispielsweise durfte nur 30 Zentimeter tief gegangen werden: "Das ist für die Leitungsverlegungen nicht gerade einfach." Auch auf die Sockelheizung mit dem zusätzlichen Gebläse verweist der Architekt. Dafür verfüge der Gemeinderaum über eine Fußbodenheizung, die auf geringer Stufe rund ums Jahr läuft. "Das ist ökonomischer, als sie ständig ein- und auszuschalten", so die für die Zuhörer etwas überraschende Erklärung.

Die Angermünder arbeiten bei ihren Projekten nicht nur eng mit dem Denkmalschutz zusammen, sie sehen auch die Notwendigkeit von Auflagen, wenngleich diese den Spielraum bisweilen stark eingrenzen. Manchmal sind es aber gerade die Herausforderungen zur Lösung diffiziler Problemstellungen, die den Ideenreichtum der Architekten beflügeln. So wurde in Prötzels Schlosskirche auf engstem Raum ein Fahrstuhl neu eingebaut, in der Ecke gegenüber befindet sich das behindertengerechte WC, das mit seinen notwendigen Maßen auch schwierig unterzubringen war.

Stolz sind Heise und seine Kollegen auch darauf, dass der Aufzug - der vielen älteren, gehbehinderten Gemeindemitgliedern jetzt erstmals die ehemalige Winterkirche im Obergeschoss zugänglich macht - in der Optik nicht störend auffällt. Den offenen "Kopf" oben gebe es nur hier, bei einem anderen Aufzug, den man gerade in einer Kirche einbaue, sei der nicht mehr gestattet.

"Der Statiker musste ziemlich viel rechnen", merkt Heise an, als die Gruppe sich in die erste Etage vorgearbeitet hat. Das alte Gruftgewölbe darunter, der Aufsatz, die Dämmung - all das musste in Einklang gebracht werden. Bei den drei neuen Säulen habe die mittlere ein eigenes, neues Fundament. Die beiden äußeren stehen hingegen auf dem historischen Tragwerk.

Heise ist nicht der einzige, der die Besucher mit reichlich Informationen versorgen kann. Mit interessanten Ergänzungen in historischer Sicht kann Rolf Kaupat, Vizechef des Fördervereins, aufwarten. Zum Beispiel, dass die Kirche nicht nur aktuell neben der rein religiösen Nutzung eine multikulturelle Begegnungs- und Veranstaltungsstätte ist. "Schon im 18. Jahrhundert war hier die französische freie Gemeinde mit einem eigenen Pfarrer hier, damals durch die Baronin von Eckardstein geholt." Und nach dem Krieg fanden Flüchtlinge Unterschlupf. Seinerzeit galt es auch Schäden zu beseitigen, und in den 1950er-Jahren sei in diesem Zusammenhang die Orgel von der Empore nach unten geholt, die Winterkirche durch Einbau einer Wand abgetrennt worden.

Schon damals eine gläserne Front, ist diese mit der Sanierung und Neugestaltung noch durchsichtiger geworden, erklärt wiederum Heise: "Damit gibt es noch weniger das Gefühl, dass dieser extra Raum das Kirchenschiff zerschneide. An der Stelle, wo der vormalige Kachelofen verschwunden ist, fanden sich alte Farbreste an dem Holzstreifen, der unter der Decke entlangläuft.

Auch ins Küsterhaus nebenan, im Zuge der Arbeiten gleichfalls saniert, geht es noch hinüber. Die Teilnehmer des Rundgangs sind sehr angetan, so wie die Strausbergerin Heidrun Gerhard, die zuvor auch schon ein weiteres offenes Stück Architektur in Fredersdorf besucht hat.

Natürlich darf ein Blick in die Gruft nicht fehlen, wo einst die Mitglieder der Familie von Kameke, später derer von Eckardstein beigesetzt wurden. Eine in Australien lebende Nachfahrin war gerade am Vortag da, erzählt Rolf Kaupat. Lisa Mitchell, geborene von Eckardstein, ist noch in der Schlosskirche getauft und konfirmiert worden - "und hatte, als das Baugeschehen losging, eine Spende von 2000 Euro zur Unterstützung der Sanierung geschickt", wie Kaupat den interessierte Zuhörern berichten kann.

Märkische Oderzeitung vom 26. Juni 2012

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