Andere suchen, Schäpe findet

von Thomas Lähns

Immer wieder tauchen im Dorf wertvolle Dinge auf. Nur nicht im Kirchturm, wo man sie erwartet hätte.

  
Die Krone ist ab: Handwerker haben Kreuz und Kugel vom Schäper Kirchturm geholt. Damit beginnt die Sanierung.
Fotos: Thomas Lähns
Gut gerüstet: Die Schäper Schinkelkirche.

Beelitz - Jahrzehntelang hatten die Einwohner von Schäpe ihre historischen Kirchenglocken vermisst. Man wusste nur so viel: Mitte der 1960er Jahre war das Geläut ausgetauscht worden. Dabei müssen die noch von Carl Friedrich Schinkel übergebenen Originale irgendwie abhanden gekommen sein. Wurden sie eingeschmolzen? Oder verkauft? Das konnten auch die Alten nicht mehr sagen, erzählt Axel Grüsner. "Und dann wollten wir neulich mal die beiden großen Blumenkübel vor dem Kirchentor herausnehmen." Die runden, tief in den Boden eingelassenen Behältnisse waren nur spärlich bepflanzt und kaum noch gepflegt, berichtet der Schäper weiter, um dann die Pointe zu präsentieren: "Die Blumenkübel das waren unsere Glocken!"

Grüsner ist Mitbegründer des Fördervereins "Schinkelkirche Schäpe". Zusammen mit seinen rund 50 Mitstreitern hat er sich den Erhalt des vom Verfall gebeutelten Gotteshauses auf die Fahnen geschrieben. Nachdem sich seit den 1960ern nichts an dem Gebäude getan hatte, begannen die Ziegel vom Dach zu rutschen. Für den Erhalt ihrer Kirche rückten die Einwohner zusammen und sammelten Spenden. Gestern fiel der Startschuss für den ersten Bauabschnitt: Für 81 000 Euro soll in diesem Jahr die Turmspitze samt Bekrönung erneuert werden. 14 000 Euro davon hat der Verein aufgebracht, wie der Vorsitzende Hartwig Remy stolz berichtete, vor allem aus Spenden. Den Rest teilen sich die Evangelische Landeskirche, die Kirchengemeinde, Stadt und Landkreis.

Die Regie über das Projekt hat der Beelitzer Architekt Jürgen Götz übernommen, der mit seinem Büro schon den Beelitzer Wasserturm sowie die Salzbrunner und die Riebener Kirche erneuert hat. Letztere wird zurzeit umgebaut: Eine Hälfte bleibt Kirche, die andere wird zum weltlichen Gemeindezentrum. Das Konzept ist im vergangenen Jahr von der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler ausgezeichnet worden. Die Gesamtkosten für die Sanierung der Schäper Kirche schätzte Götz auf 430 000 Euro. "Je nach Fördermitteln werden wir vier bis fünf Bauabschnitte benötigen", sagte er gestern. Jahr für Jahr soll ein weiterer umgesetzt werden.

Für die Zeit danach gebe es schon eine Menge kreativer Vorschläge, so der Michendorfer Pfarrer Uwe Breithor, der sich auch für die Schäper Kirche engagiert. Dazu würden neben der herkömmlichen Nutzung auch Ausstellungen, Konzerte oder Führungen gehören. Letztere könne man in Zusammenarbeit mit dem benachbarten Spargelhof Josef Jakobs auf die Beine stellen, dessen Chef sich ebenfalls für die Sanierung engagiert. "Die Kirche soll kein hohles Gemäuer werden, sondern sich mit Leben füllen", so sein Wunsch.In dem Punkt ist schon eine Menge erreicht worden, wie Axel Grüsner weiß: Das Projekt "Kirchenerneuerung" habe viele Einwohner an ihr historisches Gotteshaus herangeführt und auch hinein. "Früher waren vielleicht zwei, drei ältere Damen in den Gottesdiensten, heute sind es mindestens 30 Leute, die regelmäßig herkommen." Der Förderverein hat sich vor anderthalb Jahren gegründet, aber die Mitgliederliste wurde bald immer länger. "Es ist, als hätte man nur darauf gewartet, dass jemand im Ort das Heft in die Hand nimmt", so Grüsner.

Längst geht es den Förderern nicht mehr nur um die Kirche, sondern um Schäpe insgesamt, das weit mehr zu bieten hat als die amtierende Spargelkönigin. Vor einem Jahr hatte ein Einwohner in seiner Scheune eine alte Brotdose gefunden. Wieder so eine typische Anekdote: Er hätte sie fast weggeworfen, dann aber doch hineingeschaut. Darin befanden sich historische Fotografien auf Glasplatten von Schäpe aus dem Jahre 1909. Der Verein nahm sich ihrer an. Sie wurden digitalisiert und auf Infotafeln gebracht, die jetzt an den wichtigsten Häusern im Ort hängen und deren Geschichten erzählen: an der alten Schmiede, am Gemeindehaus und an einigen Scheunen.

Wenn immer wieder Wertvolles von früher auftaucht in Schäpe, hätte man gestern fast erwartet, dass sich auch in der Turmspitze Schätze verbergen. Die Handwerker nahmen Kreuz und Kugel ab, allerdings war beides leer. Nur die Jahreszahl 1864, zwei Namen und Reste von Blattgold waren darauf zu finden.

Im kommenden Jahr soll nicht nur an der Kirche weitergebaut werden: Der Förderverein will auch die beiden historischen Glocken aufarbeiten lassen und dafür den historischen Glockenstuhl nachbauen, so wie ihn Schinkel einst gezeichnet hatte. Und für die Blumen finden die Schäper bis dahin auch noch ein neues Behältnis.

Potsdamer Neueste Nachrichten vom 26. Mai 2012

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