Pfarrer-Mitgift aus Berlin

Niederlehmes Kirche erhielt drei neue Glocken, dafür weichen die vier alten sobald der Turm saniert ist

 
Vorläufig lagern die neuen Errungenschaften im Niederlehmer Kirchenschiff. Kirchfördervereins-
mitglieder, die den Transport-
abschluss mitverfolgten, haben eine Bank ausgebaut.
Foto: KASISCHKE

NIEDERLEHME - Nach getaner Arbeit witzelten Glockentechniker und Fördervereinsmitglieder gestern gemeinsam, die Niederlehmer Kirche verfüge mit nunmehr sieben Glocken über das größte Geläut in der Region. Faktisch ist das richtig, gemeinsam zu hören sein, werden die vier alten und drei neuen Glocken aber nie. Sobald der Turm saniert ist, sind die Tage der Eisenhartgussglocken gezählt: Sie werden ausgetauscht und verschrottet.

Das neue oder: neue gebrauchte, aber in Klang und Materialverarbeitung hochwertigere Geläut stellte die Ananiasgemeinde in Berlin-Rixdorf zur Verfügung, unentgeltlich. "Die Lukasgemeinde übernahm dafür die Kosten für die Demontage der Glocken und den Transport nach Niederlehme", sagt Gottfried Hülsen, während er mitverfolgte, wie die drei stählernen Riesen am Kranarm durch die geöffnete Kirchentür hereinschweben. Vorerst lagern die Niederlehmer ihre neue Errungenschaft im Schiff.

Ananias, wo Gottfried Hülsen 21 Jahre als Pfarrer wirkte, ehe er 2008 in die Lukasgemeinde kam, wurde im Februar diesen Jahres entwidmet. "Die Kirche wurde nicht mehr gebraucht, ihre Schließung hat sich abgezeichnet", erklärt er, "darum habe ich gefragt, was mit den Glocken passieren wird." Niederlehmes maroden Glockenstuhl und die vier alten Glocken, von denen aus Sicherheitsgründen nur drei geläutet werden können, hatte Hülsen da schon im Hinterkopf, und das Dahmeland als neue "Dienststätte" des Ananiasgeläuts im Visier.

Warum Niederlehmes Eisenhartgusstahl-Glocken ausgemustert werden, begründet Alexander Gütter vom Kirchförderverein: "Sie haben aufgrund ihrer Fertigungsweise eine Lebensdauer von circa 75 Jahren." Die sind längst überschritten. "Die Glocken wurden 1922 gegossen. Ihre Nachfolger ähneln ihnen im Klangbild, sind aber besser verarbeitet, aus Klangstahl, der mindestens 300 Jahre hält, das ist fast so lange wie ein Bronzegeläut." Ein solches hatte die 1914 erbaute Kirche ursprünglich erhalten, musste es aber im Ersten Weltkrieg abtreten.

Weniger als eine Stunde waren gestern die Glockentechniker in Berlin im Einsatz, bis das Geläut vom Ananias-Turm gehoben und auf dem Lkw verstaut war. So selbstverständlich sei der reibungslose Ablauf nicht gewesen, verriet Andreas Kupsch, der die Mission lenkte: "Die Aufhängung der größten Glocke misst 1,40 Meter. Die Dachluke hat einen Durchmesser von 1,43 Metern." So wurde es in dem Moment, da der Kran den 880 Kilogramm schweren Klangkörper durch die Dachöffnung hob, im Innern des Turmes dunkel wie bei einer Sonnenfinsternis.

"Hätte sie nicht durchgepasst, hätten wir die Aufhängung zurechtgesägt", entgegnet der Glockentechniker auf die Frage, wie man dem unhandlichen Transportgut notfalls den Weg frei gemacht hätte. "Wir haben schon Glocken durch ein Bullauge der Turmuhr gehoben."

Niederlehmes Kirche wird schwieriger zu bestücken sein. "Wir gehen davon aus, dass die Schallfenster aufgebrochen werden müssen, wenn die Glockenmontage ansteht", urteilt Alexander Gütter. Im Anschluss würden die Lamellenluken im Kirchturm aber neu verputzt. Gottfried Hülsen inspizierte das Geläut seiner einstigen Kirche erstmals bei Tageslicht. Als er 1987 nach Ananias kam, waren die Glocken schon 20 Jahre im Einsatz. Bei Sonne besehen, entzifferte der Pfarrer ihre Inschriften und stellte erfreut fest: "Alle drei Glocken tragen einen Bibelvers aus dem Lukasevangelium." Wie passend für ihre künftige Wirkungsstätte, die zur evangelischen Lukasgemeinde gehört.

Bis sie läuten werden, lagern die Glocken im hinteren Teil des Kirchenschiffs. Fördervereinsmitglieder haben dafür eine Bank ausgebaut. (Von Tanja Kasischke)

Märkische Allgemeine vom 25. Mai 2012

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