Im Herbst läuten die Glocken wieder

Ab Mitte Mai wird der Hermsdorfer Kirchturm wieder aufgebaut

Ortsunkundige sind in Hermsdorf bei der Suche nach der Kirche die längste Zeit auf die Probe gestellt. Ab Herbst wird ein neu gebauter Kirchturm wieder bei der Orientierung helfen. In zwei Wochen soll das Gerüst für seinen Aufbau stehen.

  
So wie auf dem Foto von 1975 soll die Hermsdorfer Kirche bald wieder aussehen. Ihr baufälliger Kirchturm drohte, so hieß es 1988, ins Kirchenschiff zu stürzen und war deshalb abgerissen worden. Nun ist das Geld für den Wiederaufbau beisammen.
Foto: Archiv/Noack
Die alte Uhr soll restauriert und am aufgebauten Kirchturm angebracht werden, freuen sich der Vorsitzende des Kirchbauvereins Reinhard Noack und Pfarrerin Christina Dufft.
Foto: hs

Hermsdorf/Amt Ruhland. "Es ist eine große Kunst durchzuhalten", lächelt Christina Dufft. Die Ruhländer und Hermdorfer Pfarrerin weiß, wovon sie spricht. Seit vier Jahren kämpft sie gemeinsam mit dem Hermsdorfer Kirchbauverein, den vor 24 Jahren wegen Baufälligkeit abgerissenen Kirchturm wieder aufbauen zu können. "Es gab so manche Rückschläge", erinnert sie sich an Ablehnungen von Fördermittelanträgen und enttäuschten Erwartungen. Doch die Kirchturm-Enthusiasten aus Hermsdorf und Lipsa haben nicht aufgegeben und immer weiter für die Erhaltung und den Wiederaufbau des Kirchengebäudes auf dem idyllischen Fleckchen Erde im Brandenburger Süden gestritten. Jetzt hat es geklappt: Seit Herbst ist die ILE-(Integrierte ländliche Entwicklung)-Förderung der Europäischen Union bewilligt, ein Darlehen aufgenommen und ein Teil der Eigenmittel zusammengesammelt. Darauf ist besonders Reinhard Noack stolz. Der Vorsitzende des vor vier Jahren gegründeten Kirchbauvereins hat mit seinen Mitstreitern mehr als 30 000 Euro aufgebracht. Eine Machbarkeitsstudie und die Fotogrammetrie zur dreidimensionalen Darstellung der Kirche und ihres Turms sind davon schon bezahlt, unzählige Stapel Papier für Bauanträge und Gutachten beschrieben, Ingenieurbüros und Baufirmen beauftragt.

Nun geht es dem mehr als 500 Jahren alten Baudenkmal von außen zu Leibe mit einem Kostenaufwand von insgesamt 375 000 Euro. Bis zum Herbst werden diese in den Kirchturm, das Dach und die Fassade gesteckt. Dann wird auch die alte Kirchturmuhr den Hermsdorfern wieder zeigen, welche Stunde geschlagen hat. Das gute Stück, derzeit in alle Einzelteile zerlegt und in einer der Logen gelagert, wird von einer Spezialfirma aufgearbeitet werden. Konrad Lehmann freut sich schon darauf, wenn sie wieder tickt und die Glocken läuten. Der heute 82-Jährige ist bis zur Sperrung des Turms Tag für Tag die vielen Stufen zur Uhr aufgestiegen, um sie aufzuziehen. Das musste, so erinnert er sich, täglich fast genau zur gleichen Zeit geschehen. Wenn er das Dorf einmal verlassen wollte, haben Mutter oder Tante die Arbeit übernommen. Klar, dass sich der Hermsdorfer auch im Kirchbauverein engagiert. Von seinem Grundstück in der Nachbarschaft wird er nun die Bauarbeiten an der Außenhülle verfolgen. Die Uhr aufziehen muss er nicht mehr. Das wird, so erklärt Reinhard Noack, alles elektrisch geschehen. Schon in 14 Tagen wird das Baugerüst stehen. Allmählich wird den Sommer über der Turm wachsen, bis ihm schließlich die Haube aufgesetzt werden kann. Die Außenhaut wird ein zartes Gelb annehmen, das noch erkennen lässt, welche Geschichte die Kirche durchlaufen hat: Sie hat ihren Ursprung im 15. Jahrhundert und im 18. Logen dazubekommen, sodass der Grundriss ein Kreuz darstellt. An einer Stelle der noch von verschiedenen Putzschichten bröckeligen Fassade gibt es bereits einen Ausblick in diese Zukunft. Wenn sie real ist, legen die Hermsdorfer von vorn los: Dann geht es ans Innenleben.

Zum Thema:

In der Reihe "Musikschulen öffnen Kirchen" gibt am 13. Mai um 16 Uhr das Ensemble "Jazzika" der Kreismusikschule Oberspreewald-Lausitz unter der künstlerischen Leitung von Lutz Schulz ein Konzert. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. Das Spendenkonto für die weitere Werterhaltung der Kirche: Kirchbauverein Evangelische Kirche Hermsdorf e.V., Kontonummer 3070006166, Bankleitzahl 18055000 bei der Sparkasse Niederlausitz.

Heidrun Seide

Lausitzer Rundschau vom 05. Mai 2012

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