Dem Ursprung ganz nahe

Kietzer Kirche bekommt die Ausmalung von 1894 / Im September wird die Fertigstellung gefeiert

KIETZ - Kirche riecht eigentlich anders. Der Duft, der in der Luft liegt, erinnert an eine florierende Schenke, so viel Alkohol zieht durch den Raum. Im Kirchenschiff ist jedoch lediglich Mark Malinowski mit einem Sprüher zu entdecken. Er befeuchtet die Wände mit der verblassten und bruchstückhaften Bemalung. Den Alkohol, genauer gesagt eine Mischung mit Brennspiritus, verwendet er, um die noch vorhandenen Farbschichten zu festigen. Da sich die Stärke im einst aufgebrachten Bindemittel zersetzt hat, sind die Farben "buddrig" geworden, wie es der Restaurator bezeichnet. Sie lösen sich ab.

Zur Bauanlaufberatung am Mittwoch kamen alle Beteiligten zusammen: Andreas Draeger, Vorsitzender der Baukommission im Kirchenkreis Perleberg-Wittenberge, Sigrid Tietz vom Förderverein für die Kietzer Kirche, Architekt Peter Wieck sowie die Gerüstbauer Torsten Koselowski, der neue Inhaber der Firma Dr. Ritter, und Fred Grünwald aus Lenzen. Termine wurden abgesprochen, wo die Rüstung stehen muss, wann die Abdeckung der Orgel erfolgt, die jedoch leer sei, wie Andreas Draeger anmerkte. Die Pfeifen fehlen.

Mark Malinowski, den Peter Wieck als einen der besten Restauratoren bezeichnete, die wir haben, wird alle Farben selbst mischen. Er kann sich dabei an den gut erhaltenen Farbresten orientieren. Die Wandmalerei, die er in den nächsten vier Monaten wieder herstellt, besteht im Wesentlichen aus Schmuckbändern, die den gesamten Kirchenraum durchziehen. Es handelt sich hierbei um die originale Ausmalung aus der Bauzeit der Kirche von 1892 bis 1894. Andreas Draeger weist darauf hin, dass der Ursprungszustand des Kietzer Kirchengebäudes nach der Restaurierung wieder hergestellt sein wird.

Unter stilistischen Gesichtspunkten handelt es sich nach Mark Malinowski um eine neohistorische beziehungsweise neoromanische Malerei. Die floralen Elemente sind so weit stilisiert, dass sie geradezu geometrisch wirken. Der Restaurator wird Schablonen von den sich wiederholenden Elementen fertigen und sie dann ausmalen. Auch bei der originalen Ausmalung wurden Schablonen verwendet. Das Aufkommen des Industriezeitalters im 19. Jahrhundert habe auch zur Einführung industriemäßiger Kunstproduktion geführt, erklärt Mark Malinowski. Nach der Ausmalung wird ein heller freundlichen Raum in Beige und Gelb die Besucher aufnehmen.

"Der Abschluss der Ausmalung ist uns ein großes Fest wert", sagte Sigrid Tietz. Gebucht ist der szenische Opernabend mit "I Confidenti" am 30. September. Wie schon in den Vorjahren kommt das Musiktheater-Ensemble aus Potsdam in die Kietzer Kirche, die sich gewiss wieder sehr gut füllen wird. Doch soll es dazu noch "etwas Besonderes" geben. Das ist der Wunsch des Fördervereins und der Kirchengemeinde. Die "Himmlischen Laienspieler der Lenzerwische" wollen sich an eine weitere Aufführung wagen. Bereits mit der "Pferdekur" und "Der zerbrochene Krug" konnten sie das Publikum begeistern. Beim dritten Streich soll nun der Regisseur von "I Confidenti" gewonnen werden für eine professionelle Anleitung. Bei diesen vielversprechenden Andeutungen beließ es Sigrid Tietz.

Die Kirche ist längst auch zu einem Ort der Kultur in der Lenzerwische und der Prig-nitz geworden. Die Wolga- und die Don-Kosaken gastierten, es gab einen argentinischen Abend, ein Mandolinenkonzert und alljährlich findet ein mittelalterlich gestalteter Adventsbasar statt. Mit der Verschönerung des Innenraumes wird das Kulturleben einen weiteren Aufschwung nehmen, sagt Sigrid Tietz voraus.

All das, was in Kietz geleistet wurde und wird, ist ganz erstaunlich, wenn man an den einstigen Zustand des Gotteshauses denkt. Andreas Draeger erinnerte daran, dass es in den Wendetagen einer Ruine glich. Das Dach war zerstört, es regnete rein und der Schwamm breitete sich aus. Stolz ist er darauf, dass die Wiederherstellung der Kirche aus hiesigen Kräften gelang. Fördermittel des Landes flossen nicht in das einstige Grenz- und Sperrgebiet.

Die Kietzer Kirche, die auf einer kleinen Erhebung steht, ist weitaus imposanter als die sonst üblichen Dorfkirchen in der Lenzerwische. Das mag daran gelegen haben, dass sich die Bewohner einen solchen fast städtischen Bau leisten konnten. Es ist die dritte Kirche in Kietz. Die erste lag im Deichvorland und wurde von einem verheerenden Hochwasser zerstört. Daraufhin wurde 1703 am heutigen Standort eine Fachwerkkirche errichtet, die aufgrund ihrer barocken Farbenpracht im Inneren als "Die bunte Kirche" bekannt war. Bei einem heftigen Sommergewitter mit Blitzeinschlag wurde sie 1888 zerstört. Altar, Kanzel, Patronatsgestühl und Chorgestühl konnten gerettet werden und stehen in der heutigen Kirche. Die Ausstattungsstücke sollen in den nächsten Jahren restauriert werden. (Von Michael Beeskow)

Märkische Allgemeine vom 05. Mai 2012

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