Derfflingers Gruft ist leergeräumt

Gusow (MOZ) Für unsere Serie "Geschichten aus dem Untergrund" gehen wir in die Tiefe. Was verbirgt sich unter der Oberfläche, in Kellern und Hohlräumen der Region? Wir bringen die geheimnisvolle Welt ans Licht: Heute: Die Gruft unter der Gusower Kirche.

 
© Johann Müller

Thomas Drewing und Andrea Köpp räumen die dicken Bohlen beiseite. Sie decken im Altarbereich der Gusower Kirche den Eingang zur Gruft ab. Die ersten Stufen sind noch in Ordnung. Irgendwann wurde auf die alten Ziegel Beton gegossen. Im Bereich der Gruft selbst hingegen ist Vorsicht geboten. Die beiden Männer kennen das geheimnisumwitterte Gewölbe bestens, haben Taschenlampen dabei.

Sie sind Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins Gusow-Platkow. Der hat sich einige Zeit sehr intensiv mit der Kirche und ihrer Geschichte beschäftigt. Im hinteren Bereich der Kirche informieren Aufsteller über die lange Historie des Gotteshauses. "Zwei Jahre konnten wir über eine Arbeitsförderung während der Saison die Kirche regelmäßig öffnen", erzählt Vereinsvorsitzender Thomas Drewing. Jetzt sei es leider etwas ruhig geworden, da der Verein andere "Baustellen" habe. Nach Anmeldung biete man aber nach wie vor kleine Führungen an.

Bevor es in die Tiefe geht, dämpfen die Männer allzu große Erwartungen. "Die Gruft ist leergeräumt", erklärt Andreas Köpp. Der Raum selbst ist sehr geräumig und hoch. Erhalten sind mehrere erhöhte Ziegelbänder. Darauf standen einst Särge. 1670, so heißt es in der Ortschronik, ließ Georg Freiherr von Derfflinger die Kirche umbauen. Der im österreichischen Neuhofen geborene Schneidergeselle diente im Heer des Großen Kurfürsten, brachte es bis zum Feldmarschall. In der Mark Brandenburg besaß er sechs und in Ostpreußen sogar 14 Rittergüter, ebenso ein Haus in Königsberg und in Berlin. Sein Alterssitz aber wurde Gusow.

Der als sehr fromm beschriebene Derfflinger ließ unter der Kirche ein Grabgewölbe errichteten - für sich und seine Familie. Im Februar 1695 starb der einstige Feldherr, der offensichtlich allein schon durch sein stattliches Aussehen sowie sein strenges Regime zu Lebzeiten Ehrfurcht und Respekt genoss. Die ewige Ruhe indes fand der alte Derfflinger nicht. Die Gruft entwickelte sich zu einem wahren Wallfahrtsort, als viele Jahrzehnte später Geschichtsschreiber die Rolle des Feldherren publik machten. Wer es sich leisten konnte, pilgerte nach Gusow, wollte Schloss, Kirche und Gruft sehen. Da "lag der alte Feldmarschall, wie von Kroaten geplündert, in seinem halb erbrochenen Sarge, nur noch mit zwei großen Reiterstiefeln angetan", schreibt Theodor Fontane in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg". Der Dichter erzählt, dass diesem Treiben ein Ende gesetzt wurde, in dem man die zerbrochene Sargkiste in einen schweren Eichensarg setzte und den Deckel fest verschloss.

Der alte Derfflinger hatte zwei Söhne und fünf Töchter. Sowohl seine erste als auch seine zweite Frau wurden in der Gruft bestattet, ebenso der jüngere Sohn Karl. Mit dem älteren Sohn und Erben Friedrich von Derfflinger erlosch die Dynastie. Friedrichs Ehe war kinderlos geblieben. Er und seine Frau wurden ebenfalls in der Gruft beigesetzt.

Noch bis zum Zweiten Weltkrieg standen darin acht Särge. Doch dann setzte die Zerstörung ein. In den ersten Jahren gab es keinen Pfarrer im Ort, der dem Treiben Einhalt gebot. Die Gusower schleppten nicht nur alles nutzbare Material aus der Kirche, sie plünderten auch die Gruft. Junge Burschen hätten sich immer wieder einen Spaß daraus gemacht, den Derfflinger aus seinem Sarg zu zerren, heißt es in der Chronik. Pfarrer Lehmann soll die Überreste später im Pfarrgarten vergraben haben. Belegt ist das nicht.

Heute erinnert nur noch ein alter Eichensargdeckel an Derfflingers Ruhestätte. "Wir haben ihn anhand von alten Fotos zweifelsfrei als Teil des Eichensargs identifiziert", versichert Andreas Köpp. Dem Verein fehlt die Kraft, um die Gruft wieder ansprechend herzurichten. Seitens der Kirchengemeinde gibt es dafür wenig Interesse. Das Gewölbe ist intakt. Herausgefallene Feldsteine müssten eingefügt und die Treppenstufen repariert werden. Einige Überbleibsel haben Vereinsmitglieder im durchgesiebten Sand der Gruft noch sichergestellt. Das meiste jedoch war Siedlungsmüll. Die Bewohner des einstigen benachbarten Schreiberhauses hatten die Gruft über Jahre als Abfallloch genutzt. Zu jener Zeit wuchsen hohe Bäume in der Ruine. Niemand gab der Kirche eine Zukunft.

Selbst nach der Wende war der Wiederaufbau kein Thema. In mehreren ABM ging es um die Beräumung und Sicherung der Ruine. Der Bonner Journalist Wolfgang Nitschke setzte in den 90er Jahren eine unglaubliche Spendenaktion in Gang. 2003 wurde die Kirche von Bischof Huber wieder in den Dienst gestellt, erhielt auch das Jahrzehnte in die Komturei Lietzen ausgelagerte Derfflinger-Epitaph zurück.

Märkische Oderzeitung vom 23. März 2012

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