Spezialfirma montiert neue Aufhängung für zwei Glocken der Forster Stadtkirche

FORST Das Läuten der Glocken der Forster Stadtkirche ist für die nächsten Jahrzehnte gesichert wenn man den Aussagen der Firma glauben darf, die in dieser Woche die Joche des Geläutes von St. Nikolai erneuert. Dabei ist Millimeterarbeit gefragt.

 
Mit dem Kran werden die Joche in den Turm gehoben.
Fotos: Jan Selmons

Am Dienstagmorgen geht es auf dem Forster Marktplatz um nichts weniger als "Glaube" und "Hoffnung" die zwei größeren Glocken im Turm der Stadtkirche St. Nikolai. Sie sind nach zwei der drei göttlichen Tugenden benannt. Damit sie einen sicheren Halt haben möglichst für die nächsten hundert Jahre erhalten sie neue Joche. "Bei der jährlichen Wartung haben sich Risse gezeigt", erzählt Hans-Joachim Petke, der als Hausmeister in der Stadtkirche arbeitet. Vor wenigen Jahren war bereits das Joch der "Liebe", der dritten und kleinsten Glocke, gewechselt worden. Doch deren neue Stahlaufhängung konnte durch den Treppenaufgang transportiert werden.

"Die halten ewig", sagt Ralf Stiebitz von der Heidenauer Glockenläute- und Elektroanlagen GmbH und deutet am Fuße des Kirchturms auf die neuen Joche. 200 Kilogramm wiegt das größere der beiden gekröpften Joche, wie die Konstruktion in der Fachsprache heißt, wie Pfarrer Christoph Lange weiß. Die Konstruktion sei unter Experten so etwas wie eine Glaubensfrage. Kompakter als die etwa 50 Jahre alten Stahlaufhängungen seien die neuen Stahlaufhängungen, erklärt Stiebitz. Zudem sei der Stahl heute besser. Der Marktplatz ist gesperrt. Ein paar Schaulustige sammeln sich am Rand. Finn Weinlaub (2) steht vor den Stahlteilen und staunt. Den Kran findet er toll. Am liebsten würde er Kranfahrer werden, sagt er.

Mario Klar hat den Job, von dem Jungs träumen. Er ist Kranführer beim Lausitzer Kranverleih. Klar sitzt bei starkem Regen in seiner gläsernen Kanzel und muss die Joche in die 20 Meter hoch gelegenen Fensteröffnungen im Turm heben Millimeterarbeit. Denn mit der angehangenen Flasche, die den Haken hält, und einem Joch bleibt nicht viel Platz in den 1,20 und etwas über zwei Meter hohen Fenstern. Doch er winkt ab Routine. Dann putzt er sich die Brille und zielt mit der abgewinkelten Kranspitze in Richtung Turmöffnung. Neben der Stahlkonstruktion im Glockenturm hantiert Ralf Stiebitz. Die laut Hausmeister Petke etwa 1,5 Tonnen schwere Glocke "Glaube" ist ebenso wie die "Hoffnung" bereits ausgebaut worden. Sie hängt im Glockenturm an einem Flaschenzug, die Klöppel sind entfernt. Langsam bewegt sich der Arm des Kranes in Richtung Turm. Dann verschwindet das Joch in der Öffnung geschafft. Vier Mal muss Kranführer Klar durch das Nadelöhr, um die Joche heraus- und die neuen hineinzubugsieren. Keinen Kratzer macht er in der Fassade. Die Joche liegen neben der Stahlkonstruktion für die Glocken im Turm. Der Rest sei Routine, sagt Stiebitz und verspricht: "Am Wochenende werden die Glocken wieder läuten."

Zum Thema:

Etwa 8000 Euro hat das Auswechseln der Joche nach Angaben der evangelischen Kirchengemeinde gekostet. Die drei Glocken "Glaube", "Liebe" und "Hoffnung" haben im Jahr 1945 schon einmal einen Sturz in die Tiefe überstanden. Nach Granatbeschuss im 2. Weltkrieg war der Turm in Brand geraten. Dabei war die bronzene Stundenglocke über den drei Glocken geschmolzen und auf eine der darunterliegenden Glocken getropft. Den Sturz überstanden die Glocken ohne großen Schaden. Lediglich ein Klöppel wurde verbogen. Später wurden die Bronzereste der Stundenglocke abgeschmolzen und der Gussmasse der neuen Stundenglocke beigefügt.

Von Jan Selmons

Lausitzer Rundschau vom 29. Februar 2012

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