Förderverein auf der Zielgeraden

Auftragsvergabe für Groß Lübener Turm im März / Hugo Behrens schoss 1983 Fotos vor dem großen Sturm

GROSS LÜBEN - Ein lang gehegter Wunsch der Groß Lübener (Amt Wilsnack-Weisen) soll noch in diesem Jahr in Erfüllung gehen. Die seit Mitte der 1980er Jahre gewissermaßen kopflose Dorfkirche bekommt wieder eine Turmspitze. Für dieses Projekt hat der örtliche Förderverein jahrelang die Spendendose geschüttelt. Hugo Behrens als Vorsitzender organisierte Lesungen, Musikabende und Basare, um Geld für den Wiederaufbau zu sammeln.

Nachdem der Verein sich vergeblich um eine Förderung bemüht hatte, stellte die Kirchgemeinde Groß Lüben als öffentlich-rechtliche Institution einen Antrag. Er wurde vor einigen Monaten positiv beschieden. Dem Wiederaufbau des Kirchturms für rund 160 000 Euro steht nun nichts mehr im Wege. In der kommenden Woche soll das Ausschreibungsverfahren beendet werden, im März vergeben die Kirchenältesten von Groß Lüben den Bauauftrag.

Wie Hugo Behrens berichtet, hat das Landesdenkmalamt die Rekonstruktion des Turms an gewisse Bedingungen geknüpft. Wenn das Projekt schon zu 75 Prozent gefördert werde, müsse auch möglichst der Originalzustand wiederhergestellt werden. In der Praxis bedeutet dies, dass der Turm die stattliche Höhe von 20 Metern aufweisen und von vier Ecktürmchen eingerahmt sein muss. In die Restaurierung sollen auch die alten Uhren einbezogen werden. Da diese Elemente sehr wahrscheinlich nicht aus dem der Kirche zur Verfügung stehenden Fonds finanziert werden können, will nun der Förderverein einspringen. Die Spenden werden etwa dazu verwendet, die Uhren sowie die arg in Mitleidenschaft gezogenen Schall-Luken herrichten zu lassen. Letzteres will der Förderkreis "Alte Kirchen" mit 2500 Euro unterstützen, wie Hugo Behrens berichtet.

Im Frühjahr, wenn es die Witterung zulässt, soll zunächst die notdürftig aufgebrachte Turmkappe entfernt werden, um auszuloten, in welchem Zustand das darunter liegende Mauerwerk ist. Wenn sich herausstellen sollten, dass die Gründung nicht stabil genug ist, muss ein Ringanker zur Befestigung des Turms gelegt werden. Letzerer wird übrigens zunächst komplett neben der Kirche aufgebaut und dann mit Hilfe eines riesigen Krans aufs Dach gehievt und verschraubt.

Von Ost-Schwester zur West-Schwester

Hugo Behrens kann sich übrigens noch sehr genau daran erinnern, wie der Kirchturm früher einmal ausgesehen hat, bevor er im Jahre 1984 bei einem Sturm herabstürzte. Auf seinen Fotos ist deutlich zu erkennen, in welch jämmerlichen Zustand sich die Turmspitze befand, bevor der Wind eines Tages hineinfuhr und die ganze Konstruktion ins Kirchenschiff krachte.

Für den heute in Spandau lebenden Behrens war das Groß Lübener Gotteshaus stets ein Symbol für seine alte Heimat. 1950 wurde er in Groß Lüben geboren. Wenige Zeit später musste sein Vater die DDR aus politischen Gründen verlassen. "Als Lehrer wollte er nicht wie die damaligen Machthaber. Man muss bedenken, das war noch zu Stalins Zeiten", erzählt er. Einige Jahre verbrachte er noch bei Oma und Tante in Groß Lüben, doch dann kam der große Tag des Abschieds: Am 13. August 1961, mitten in den Sommerferien, sollte der damals Elfjährige den Eltern nach Westberlin folgen. "Das Ganze hat unter Protest stattgefunden", erinnert sich Behrens. Seine Reise musste er damals mutterseelenallein unternehmen, ohne vorher mit den Eltern Kontakt aufnehmen zu können. "Telefone waren damals ja noch nicht so verbreitet", erzählt er. So fuhr ihn ein Onkel vor dem Mauerbau über die damalige F 5 nach Staaken, wo er in die Obhut einer Rot-Kreuz-Schwester aus dem Osten kam, die ihn wiederum an eine Rot-Kreuz-Schwester aus dem Westen weiterreichte. Mit einem Mal stand er in Westberlin, und niemand war da, um ihn abzuholen. Seine Eltern hatten nämlich eine Woche lang täglich am klassischen Grenzübergang an der Friedrichstraße gewartet, völlig entkräftet und aufgezehrt vor Sorge um ihren Sohn. Dieser gelangte schließlich mit dem Bus nach Kladow, wo ihn seine Eltern überglücklich in die Arme schlossen.

Für Hugo Behrens sollten indes zehn bittere Jahre folgen. Seine ganzen Freunde lebten in der Prignitz. Jäh aus diesem Zusammenhang gerissen trauerte er dem Dorf Groß Lüben lange nach. Erst 1971 war es auch ihm als Westberliner erlaubt, dorthin zu reisen. Von da an nahm er jede Gelegenheit wahr, sein altes Heimatdorf zu besuchen und dort auf Fototour zu gehen. So kommt es, dass er noch Aufnahmen aus dem Jahr 1983, der Zeit vor dem großen Sturmschaden, besitzt. Deutlich ist auf den Bildern zu erkennen, wie verrottet der Kirchturm damals schon war. Wie viele andere Gotteshäuser in der Prignitz war auch dieses zu DDR-Zeiten dem Verfall preisgegeben. (Von Dorothea von Dahlen)

Märkische Allgemeine vom 18. Februar 2012

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