Fertig! 1155 Vetschauer Pfeifen machen Musik

VETSCHAU Zehn Jahre, wenn nicht länger, hat Vetschau darauf gewartet: Die vor 153 Jahren erbaute Kaltschmidt-Orgel in der Wendischen Kirche ist restauriert. Der Berliner Tonmeister Jürgen Schlag und Orgelbaumeister Matthias Voigt von der Mitteldeutschen Orgelbau A. Voigt GmbH Bad Liebenwerda haben das aufwendige Unterfangen nach zehn Jahren abgeschlossen.

 
Matthias Voigt (vorn) und Jürgen Schlag sind zufrieden mit dem Ergebnis von zehn Jahren Arbeit.
Foto: hk
Jürgen Schlag (l.) aus Berlin und Orgelbaumeister Matthias Voigt hängen nach und nach alle Zinnpfeifen in die Kaltschmidt-Orgel in der Wendischen Kirche.
Archivfoto: Bilderdienst-Lausitz

Es war die Besessenheit weniger mit großem Herzen und Enthusiasmus, die das Wunder möglich gemacht hat. Die einzige erhaltene Kaltschmidt-Orgel ihrer Art im Land Brandenburg ist restauriert. Nicht anders hatte sich schon vor zehn Jahren Klaus Lischewsky, heute Pfarrer im Ruhestand, die Rastlosigkeit von Jürgen Schlag und Matthias Voigt erklärt. Rund 90 000 Euro sind für das imposante Bauwerk ausgegeben worden. Das waren größtenteils Spenden. Besonders geehrt wird eine Frau, die ihr Herz für die Wendische Kirche mit der Orgel weit geöffnet hat: "Frau Muschik-Irmer, Florida, USA", eine gebürtige Suschowerin. Sie stiftete die Tausende Euro teuren zinnernen Prospektpfeifen dieser Orgel. Nachzulesen ist das auf einem Metallschild an der Orgel.

Die originalen Zinnpfeifen der Prospekte mussten im Jahr 1916 zu Kriegszwecken abgegeben werden. Sie wurden durch Zinkpfeifen ersetzt die jedoch in sich klirrten. Nun ist alles ganz wunderbar. "1155 Pfeifen in der Orgel machen die Musik, und was für eine", schwärmt Matthias Voigt. 32 weitere seien nur Schmuck.

Großvater baute Orgel

Jürgen Schlag, der schon im Berliner Dom für beste Akustik gesorgt hat, ist kein Orgelbauer, doch er hat eine besondere Beziehung zur Wendisch-Deutschen Doppelkirche in Vetschau. Denn sein Großvater war es, der die Orgel in der benachbarten deutschen Kirche gebaut hat. Immer wieder erinnert sich der Enkel, wie es vor zehn Jahren mit der Kaltschmidt-Orgel begonnen hat. Erbärmlich habe sie ausgesehen, nachdem sie im Jahr 1976 zum letzten Mal erklungen war. Das erste Angebot zur Sanierung der Orgel war viel zu teuer. Ein lieber Freund aus Polen wollte helfen. "Joseph Brylla war Organist und Orgelbauer. Er starb noch vor den ersten Arbeiten 2002", erzählt Jürgen Schlag. Der Traum des Mannes aber wäre es gewesen, mit einem von Schlag diese 5 mal 6 mal 3 Meter große Orgel zum Klingen zu bringen. Da ist sich der Berliner ganz sicher.

Der Beginn einer Freundschaft

Zu dieser Zeit aber waren bereits die einzigen fehlenden Pfeifen in Auftrag gegeben das war der Beginn der Schlag-kräftigen Freundschaft mit dem Orgelbauer der Voigtschen Firma aus Bad Liebenwerda.

Jürgen Schlag ist fasziniert davon, dass einst der Urgroßvater vom Juniorchef der fast 150 Jahre alten Liebenwerdaer Firma schon an dieser Orgel baute. Arno Voigt hatte seinerzeit bei Schlag & Söhne gelernt und sich hier in der Wendischen Kirche verewigt. Jetzt baue wieder ein Voigt an der Kaltschmidt-Orgel in Vetschau. Putzen, putzen und nochmal putzen hieß es zunächst ab Sommer 2002. Einer derjenigen, die davon ein Lied singen konnten, ist Lothar Rechenberg, Vorsitzender des Fördervereins Wendische Kirche. Er hörte Orgelmusik nicht so gern und kannte eine Orgel, wie er sagte, nur als begehbares Musikinstrument aus dem Kreuzworträtsel.

Mit einem Dutzend begeisterter Vetschauer wurde losgelegt. Alle Register, alle Pfeifen, alles, was nur auszubauen war, wurde auseinandergenommen, sauber gemacht mit Waschlappen und Pfeifenbürsten. Es wurde gelötet, ausgebeult und geklopft. Ein Satz Register aber war spurlos verschwunden das waren besonders hübsche Zinnpfeifen mit einer Haube und einem Rohr drauf. Der Orgelbauer hat sie nachgebildet soviel Zeit musste schließlich auch sein. Wie es auch Vetschauer gab, die alle Werkelnden in der Kirche mit Kaffee, Kuchen und Mittagessen versorgten.

Erste bescheidene Töne

Noch im Jahr 2002 konnte Kantorin Susanne Drogan der Orgel die ersten bescheidenen Töne entlocken. Auch in den folgenden Jahren war Jürgen Schlag auch mit seiner Frau Gunda fast an jedem Wochenende in Vetschau.

Am Tag des offenen Denkmals 2004 hatte die Kaltschmidt-Orgel auch klingenderweise schon einen großen Auftritt. 2007 erfüllte sich der promovierte Universitätsorganist Dr. Wieland Meinhold den Wunsch, auch die mechanische Kaltschmidt-Orgel zu spielen, was vor vier Jahren noch zu einer sportlichen Herausforderung wurde. Denn die Tasten gingen viel zu schwer. Für jede einzige mussten jedes Mal 700 Gramm gestemmt werden. Jahre später wurde das Gewicht auf durchschnittlich 200 Gramm reduziert. Bei Akkorden seien es gar mehr als zwei Kilo gewesen. Früher habe das nicht die große Rolle gespielt, so Jürgen Schlag, weil Gottesdienste mit schleppendem Gesang begleitet worden seien. Drei bis fünf Lieder seien gespielt worden und nicht wie heute ganze Konzerte.

Irgendwann in diesem Jahr wird es ein würdevolles Konzert an der restaurierten, eher nicht so grob, sondern eher romantisch intonierten Kaltschmidt-Orgel geben.

Die beiden Meister, der eine Orgel, der andere Ton, sind glücklich. "Nun fehlt noch das Außenbild", sagt Jürgen Schlag. Aber das bestimme nicht die Musik. Historiker hatten die blau-goldene Farbe unter dem Gehäusegrau freigelegt. Jürgen Schlag vermutet, dass dort mit großer Quaste hemmungslos überpinselt wurde.

Ein Schlag aber wäre nicht ein solcher, hätte er nicht schon neue Pläne. "Als nächstes kommt die Kirchturmuhr dran", ist der Vetschauer vom Müggelsee überzeugt.

Von Hannelore Kuschy

Lausitzer Rundschau vom 26. Januar 2012

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