Ein Turm mit vielen Aufgaben

DENKMAL: Perleberger Förderverein nimmt sich viel vor / Noch keine Kostenschätzung

PERLEBERG - Am 25. November 2010, also unmittelbar vor einem denkwürdigen Tag, gründete sich der Förderverein "Kirchturmspitze St. Jacobi in Perleberg". Am 27. November 1916 brannte der Kirchturm, die fünf Bronzeglocken stürzten in die Tiefe und die Turmspitze wurde zerstört.

Dem Förderverein geht es nicht nur um eine neue Kirchturmspitze, wie dessen Vorsitzender Herbert Dreifke gestern bei einer Turmbesteigung verdeutlichte. Problemzonen gibt es weitaus mehr. Eigentlich müssen alle Turmeinbauten erneuert werden. Überall auf den Holzdecken und den steilen Aufstiegen sind die Spuren des Holzwurmes sichtbar. Der Glockenstuhl bedarf einer Sanierung, und auch die beiden Eisenglocken, die dort hängen, sind am Ende ihrer Lebensdauer. 1918 waren die einfachen Eisenglocken von Bochum nach Perleberg gekommen. Im Eisen befinden sich viele Lunken, also ungewollte Hohlräume, und dort greift der Rost an. Uwe Fathke vom Bauausschuss der Kirchengemeinde erinnerte an die fünf Bronzeglocken, die dort einst hingen. Die Katharinenglocke, die viereinhalb Tonnen wog, hatte ein berühmter Glockenmeister im 16. Jahrhundert gegossen. Ihr wohltönender Klang war weit über Perleberg hinaus hörbar.

Im Auge muss man die beiden noch bestehenden Giebel den Nord- und den Südgiebel behalten. Beide stehen nicht mehr im Lot, da sich die hölzernen Querriegel verdreht haben. Bis unters Dach gelangt man bei einer Turmbesteigung. In 40 Meter Höhe lassen sich in jedem Giebel zwei Fenster öffnen. Der Ausblick ist herrlich am Horizont zeichnet sich der Havelberger Dom ab. Der Förderverein sieht hier ein touristisches Potenzial brach liegen, denn nach Osten also zum Rathaus, zum Roland und zum Hagen sowie nach Westen kann man nicht blicken. Die neue Turmspitze, so hofft der Verein, sollte über ein Laternenhaus verfügen, eine nach allen Seiten offene Aussichtsebene. Dort könnten die Adventsmusiken erklingen. Sie wäre dann auch auf dem Markt zu hören. Derzeit spielen die Musiker durch eines der Fenster. Man muss schon darunter stehen, um die Musik zu erleben.

Ende September wollen Förderverein und der Bauausschuss der Kirchengemeinde beraten, wie die Turmspitze schließlich aussehen soll. Uwe Fathke meinte, es müsse nicht die alte, von Friedrich August Stüler entworfene Spitze sein, sie müsse jedoch zum Turm passen. Derzeit endet er bei 49 Metern. Damit die Spitze auch wie eine Spitze aussehe, sollte sie etwa 30 Meter hoch sein. Mit 80 Meter wäre der Kirchturm dann so hoch wie vor dem verheerenden Brand.

Klarheit über die Spitze ist erforderlich, um eine Kostenschätzung erarbeiten zu können. Bisher liegen nicht mehr als vage Schätzungen vor, die bei über einer Million Euro liegen. Allein für vier neue Bronzeglocken können mehr als 40 000 Euro nötig sein ohne Einbau, ohne Glockenstuhl und ohne den nötigen elektrische Antrieb.

Leider ging der Verein mit seinem Antrag beim Förderkreis Alte Kirchen leer aus. Es ging um ein Startkapital für neugegründete Vereine. Unterstützung gibt es von vielen Seiten. Die Perleberger Modelleisenbahner stellten ein Modell der alten Kirche zur Verfügung; die Westprignitzer Briefmarkenfreunde widmeten dem Kirchturm eine Ausstellung; Bürgerverein und auch Bürgermeister Fred Fischer sind Mitglied geworden; die Bundestagsabgeordnete Dagmar Ziegler schrieb ein Geleitwort für die demnächst erscheinende Broschüre, die auch der Sponsorenwerbung dienen wird. Geld soll über kulturelle Veranstaltungen eingespielt werden. Der Perleberger Sänger Sven Fliege gibt im Mai 2012 nach dem Abschluss seiner Musical-Tournee ein Konzert in der Kirche. Der Verein denkt an die Herausgabe eines Spendentalers; kürzlich wurde ein Film über den Turmaufstieg und die herrliche Aussicht gedreht für alle, die selbst nicht mehr die steilen Stiegen nehmen können. Der Film könnte auch als DVD vervielfältigt werden. Der Verein hofft insgeheim, dass am 27. November 2016 also nach 100 Jahren der Turm wieder eine Spitze hat. Wenn es bis dahin nicht gelingt, dann werde man eben weitermachen, heißt es.

Kontakt Vorsitzender Herbert Dreifke 03876/ 789467. (Von Michael Beeskow)

Märkische Allgemeine vom 09. September 2011

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