Gepflastertes Erbe

Günterberg (moz) Eine ungewöhnliche Erbschaft sorgte am Montagabend in Günterberg für ein gesellschaftliches Ereignis. Aus dem Nachlass der ältesten Einwohnerin konnte erstmals ein befestigter Weg zur Dorfkirche gebaut werden. Halb Günterberg machte die Einweihung zu einem kleinen Fest.

 
Symbolische Eröffnung: Pfarrer Justus Werdin und Nachbarin Astrid Völker geben den neugebauten Kirchsteig zur Günterberger Kirche frei, der aus dem Nachlass der ältesten Dorfbewohnerin Betti Zimmermann finanziert wurde.
© MOZ

Als Betti Zimmermann im Alter von 98 Jahren starb, hatte sie einen Herzenswunsch: Der beschwerliche Zugang zur Dorfkirche sollte endlich befestigt werden. In ihrem Testament verfügte die alte Dame, dass ihr gesamtes Hab und Gut, Haus und Hof der Kirche in ihrem Heimatdorf vererbt wird. In ihren letzten Lebensjahren blieb sie so wie viele ältere Günterberger immer öfter den Gottesdiensten und Trauerfeiern in der Kirche fern und traute sich nicht einmal zu Weihnachten den beschwerlichen Aufstieg zu. Der unbefestigte, steile Weg zur Kirche, die auf einer Anhöhe thront, war gerade bei Regen, Schnee oder Eis kaum mehr gefahrlos zu benutzen.

Doch der Kirchengemeinde fehlte das Geld, um den Weg und die Treppe zu befestigen. ABM- oder MAE-Maßnahmen gab es nicht mehr. Im ständigen mühsamen Kampf um Fördermittel und Spenden für die Sanierung und Erhaltung der Kirche ist der Nachlass der alten Dame ein Segen und machte es möglich, erstmals den Kirchsteig als wichtigsten Zugang zur Kirche zu pflastern und eine Treppe zu bauen.

Solche Erbschaften zu Gunsten der Kirche sind heute Ausnahmen, auch wenn sich immer mehr Menschen unabhängig vom Glauben für die Rettung der Kirchen in ihren Dörfern engagieren, Fördervereine gegründet und Spendenaktionen initiiert werden. Auch in Günterberg hat die Kirchengemeinde den eigens gegründeten Förderverein Denkmalpflege Günterberg als Partner zur Seite, der den Bau des Kirchsteigs aus dem Nachlass der Betti Zimmermann anregte und begleitete. Die Bauarbeiten wurden einer Fachfirma übertragen, der Angermünder Straßen- und Tiefbau GmbH.

Kaum war der Weg fertig, pilgerten Dutzende Günterberger zur Kirche, um den neuen Aufstieg auszuprobieren. Und auch zur offiziellen Einweihung am Montagabend kamen über 40 Gäste. Die Kirche verbindet das Dorf noch heute und stiftet Identifikation und Heimatverbundenheit. Das hat wohl auch Betti Zimmermann gespürt und dazu bewegt, das Erbe ihrer Hände Arbeit eines langen, bescheidenen Lebens ihrer Kirchgemeinde zu hinterlassen. In Würdigung der Erblasserin hatte Pfarrer Justus Werdin zur Andacht in der Dorfkirche ein paar Utensilien aus dem Nachlass mitgebracht, darunter eine alte, krumme Hacke mit einem winzigen Blatt. Damit hat Betti Zimmermann noch bis ins hohe Alter ihren kleinen Gemüsegarten gehegt. "Die Hacke erzählt von der Mühsal der Arbeit und dem eisernen Willen, nichts zu vergeuden, aber auch davon, wie sehr diese Generation alles zu schätzen wusste, was im Leben nützt", erzählte Justus Werdin, "So, wie sie den Garten ihres kleinen Bauernhauses pflegte, in dem sie 1912 geboren wurde und bis zu ihrem Tod 2010 lebte, so emsig beackerte sie auch das Feld guter Nachbarschaft im Dorf."

Die kleine, liebevoll vorbereitete Feierstunde zur Einweihung des "Betti-Zimmermann-Steigs" bot viel Gelegenheit, sich zu erinnern, von Begegnungen und Erlebnissen im Dorf zu erzählen. Die originale Wohnungseinrichtung aus der Jahrhundertwende in Betti Zimmermanns Bauernhaus wanderte übrigens in die Museumsbaracke des Günterberger Fördervereins und in die Pfarrscheune Greiffenberg und erzählt dort authentisch vom Alltag der Bauern vor 100 Jahren. Auch hier lebt das Vermächtnis der alten Dame weiter.

Märkische Oderzeitung vom 06. Juli 2011

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