Zustand schlechter als angenommen

EINSTURZGEFÄHRDET: Ein Dorf mobilisiert alle Kräfte zur Bauwerksrettung und will die Kirche im Dorf lassen

SEWEKOW - Die Dorfkirche in Sewekow ist einsturzgefährdet. Zu diesem Schluss kommt das jüngste Baugutachten. Das alarmierte die Einwohner, Mitglieder der kleinen Kirchengemeinde, die Ortsbeiräte mit ihrem Ortsvorsteher und Bürger aus dem Wittstocker Ortsteil haben sich daher mit dem Baugutachter Dräger aus Kleinmachnow, Pfarrer Berthold Schirge und Pastorin Christina Semper am Freitag Abend in ihrer Dorfkirche beratend versammelt. "Der Zustand ist deutlich schlechter, als wir es wahrgenommen haben", eröffnete Pfarrer Berthold Schirge die Diskussionsrunde und rief dazu auf, aktiv für den Erhalt des Gotteshauses zu werden und die Kirche wieder zu füllen.

"Auch Sewekow muss die Kirche im Dorf lassen, das Dorf bekennt sich zu seiner Kirche", pflichtet Ortsvorsteher Daniel Haucke dem Pfarrer bei. Sogar im Heimatverein sei die Situation beraten worden.

Die Kirche wird zwar nicht heute, auch nicht gleich morgen einstürzen, sie ist jedoch akut bedroht und könnte absehbar baupolizeilich gesperrt werden. Das Problem besteht im Dachstuhl, aber auch der Kirchturm muss dringend saniert werden.

Vor einer Diskussion über die Ausgangssituation und Schritte zur Rettung steckte Pfarrer Bertold Schirge den sehr engen kirchlichen Handlungsspielraum für mögliche Hilfe ab. Es sei aussichtslos um Geld bei der Kirchenbauverwaltung zu ersuchen, wenn die Kirchgängergemeinde so klein wie bisher bliebe und nur wenige Kirchenmitglieder an Gottesdiensten und Hochfesten teilnehmen. Haucke hingegen fragte, ob die Kirchenverwaltung überhaupt ein Konzept für den Erhalt aller ihrer Kirchen habe, schon im Kirchenkreis Dranser Land seien drei von vier Dorfkirchen dringend sanierungswürdig. Dann müsse auch über eine andere Verwendung nachgedacht werden, wenn das den Kirchenbau rettet. "Dass wir unsere Kirche erhalten wollen, können wir alle unterschreiben", sagt Haucke.

Nicht zum ersten Mal gibt es ein vermeintlich unlösbares Problem in diesem Urlauberdorf an der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern, im äußeren Zipfel vom Landkreis Ostprignitz-Ruppin. In den 1980-er Jahren gab es eine baupolizeiliche Sperrung wegen der Einsturzgefahr des Kirchendaches. Mehrmals hat sich die kleine Kirchengemeinde mit der Kraft des ganzen Dorfes, mit dem Heimatverein und dem Ortsbeirat selbst geholfen, Geld und Material gesammelt und Bauleute für eine Reparatur organisiert. Die Dachstuhlreparatur in der DDR-Ära sei aber sehr mangelhaft ausgeführt worden und lasse sich auch nicht mit dem politischen System der DDR rechtfertigen. Die Mängel wirken jetzt nach und sind nur durch spätere Reparaturen verdeckt worden. Die kleine Kirchengemeinde hatte erreicht, dass ein provisorisches Ständerwerk jetzt den Dachstuhl trägt. Das bringt Zeitgewinn.

200 000 Euro sind jetzt für die Kirchenreparatur in zwei Bauabschnitten errechnet. Das denkmalgeschützte Bauwerk sei erhaltenswert. In der Kirche gibt es eine Orgel und einen Barockaltar, auch die beiden großen Glocken im Turm hatte Sewekow in den beiden Weltkriegen nicht abliefern müssen. Eine gut funktionierende mechanische Kirchturmuhr von 1930 hat sich bisher erfolgreich gegen die Funkuhren behauptet. Zudem vereint diese Kirche mehrere Baustile und sie hat einen für die damalige Zeit modernen Fachwerkturm, der nachträglich verputzt wurde. Der Gutachter rät, Eigenmittel zu beschaffen, parallel gleich Fördermittel und Hilfen bei der Kirchenbauverwaltung zu beantragen. Pfarrer Schirge hingegen, der auch im Kreiskirchenbauausschuss für die Mittelverteilung zur Sanierung der Kirchen mitstimmt, macht keine Hoffnung. "Wir haben bereits bis ins Jahr 2020 Geld für die Sanierungen an Kirchen festgelegt. Nur eine Kirche im Kreis hat im Jahr eine Chance auf Geldzuschuss. "Einsturzgefährdet alleine reicht nicht. Die Baubeihilfemittel bei der Landeskirche wurden drastisch zurückgefahren", sagt der Pfarrer. Zugesagtes Geld für die Teetzer Kirche über 20 000 Euro, die Christdorfer Kirche über 7500 Euro und Berlinchen über 1500 Euro sei gestrichen worden. Sewekow mit aufzunehmen, das sei schwierig, weil hier die wenigsten Gottesdienste in seinem ganzen Bereich mit den wenigsten Kirchenbesuchern stattfinden. Und mehr Kulturveranstaltungen in dieser Kirche ist für Schirge kein Lösungsweg.

Wieviel Zeit geben Sie unserer Kirche noch?", fragt Kirchenältester Hartmut Ruge den Gutachter. Der erste Bauabschnitt zur Sicherung im Dach gegen Regen und Schnee sei das Wichtigste, Dräger will daher auch bei den Formalitäten zur Fördermittelantragstellung helfen. "Das Engagement in dieser Kirche wird wachsen. Kirche und Bauen führen zu einer Eigendynamik. Haben Sie keine Angst davor." (Von Gerd-Peter Diederich)

Ohne Vorbedingungen

Wer die Dorfkirche retten will, sollte niemanden ausschließen, meint Gerd-Peter Diederich

Noch eine Dorfkirche ist vom Verfall bedroht. Eine mehr in der langen Liste der Dörfer in Ostprignitz-Ruppin und der Kirchengemeinden, die bereits auf Geld zur Sanierung ihrer Gotteshäuser dringend warten. Jetzt hat sich sogar das Urlauberdorf Sewekow und die nach Meinung von Pfarrer Schirge "kleinste aktive Kirchgemeinde" in die Warteschlange bei den Geldgebern einreihen müssen. Das Gutachten mit dem vernichtenden, mit dem alarmierenden Urteil des desolaten Bauzustandes kam doch sehr überraschend. In der Vergangenheit hatte sich die Dorfgemeinschaft, ob Gläubige oder Atheisten, nach Aufrufen auch gemeinsam um Remontierung und Reparaturen für ihre Dorfkirche eingesetzt. Handarbeit alleine kann die Kirche jetzt nicht mehr retten, die Sanierung kostet sehr viel Geld und die Einwohner müssen sogar den Anfang bei der Mittelbeschaffung machen. Nur so könnten sie die Kreis- und Landeskirchenverwaltung erweichen, rechtzeitig in der Fördermittelvergabe berücksichtigt zu werden.

Es ist falsch, genau in diese nervenaufreibende Grundsatzdiskussion hinein vorzugeben, was in diesem Kirchenbau nicht stattfinden soll. Der Kirche kann jede helfende Hand nur recht sein, Vorbedingungen an Retter sind fehl am Platz.

Märkische Allgemeine vom 14. Juni 2011

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