Vom Autositz auf die Kirchenbank

RELIGION: Der Turm des Zeestower Gotteshauses soll noch 2011 für rund 210 000 Euro saniert werden

ZEESTOW - Das Holzkreuz mit dem blauen Autobahnschild ragt an der Spitze der Prozession in die Luft. Etwa 80 Gottesdienstbesucher haben sich am Sonntag von den Bänken der Zeestower Kirche (Dorfkirche des Monats Januar 2011) erhoben und ziehen gemeinsam einmal rund um das Kirchenschiff. Auf der Wustermarker Allee halten sie inne. Polizisten aus Falkensee haben die Straße für den Autoverkehr gesperrt. Und genau um diesen geht es: "Für einen menschlichen Straßenverkehr" lautet das Motto des Gottesdienstes in der Kirche, die schon bald die erste Autobahnkirche am Berliner Ring wird.

Noch in diesem Jahr soll mit dem ersten Sanierungsabschnitt begonnen werden. "Ich hoffe, dass wir bis September anfangen können", sagt Pfarrer Bernhard Schmidt, Vorsitzender der Kollegialen Leitung des evangelischen Kirchenkreises Falkensee. Im März hatte der Kirchenkreis auf seiner Frühjahrssynode beschlossen, dass die Zeestower Kirche zur Autobahnkirche ausgebaut wird (MAZ berichtete).

Als Erstes soll der Kirchturm saniert werden. "Der Turm wird wieder seine originale Haube erhalten", erklärt Pfarrer Schmidt. Diese sei größer als die jetzige und daher auch von der Autobahn aus zu sehen. Die Baukosten werden auf 210 000 Euro geschätzt. Das Geld kommt vom Kulturministerium, dem Kirchenkreis und der Landeskirche. Wie viel letztere hinzugibt, sei noch nicht abschließend geklärt, so Schmidt. "Notfalls müssen wir den Bauabschnitt etwas reduzieren."

Die moralische Unterstützung des Projekts von Seiten vieler Havelländer ist dem Kirchenkreis bereits sicher. "Wir hätten nicht damit gerechnet, dass so viele Leute zu dem Gottesdienst kommen", so Schmidt. Gemeinsam mit dem Brandenburger Landesverband des Verkehrsclubs Deutschland hat der Förderverein Autobahnkirche Zeestow zu dem Nachmittag eingeladen. In ihrer Predigt greift auch Generalsuperintendentin Heilgard Asmus den Straßenverkehr auf. Um sich beim Fahren menschlich zu verhalten, seien Orte der Besinnung wie die Autobahnkirche wichtig, so die Theologin.

Einen Platz, wo Menschen einfach mal abschalten können, begrüßt auch Wilhelm Garn, Bürgermeister der Gemeinde Brieselang, zu der Zeestow gehört. "So bekommt das leerstehende Gebäude einen neuen Sinn." Außerdem ließe sich die sanierte Kirche vielleicht auch für Veranstaltungen wie Orgelkonzerte nutzen, so der Bürgermeister. Finanziell könne sich die Gemeinde zwar höchstens mit einem kleinen Obolus einbringen. "Wir werden aber sonst alles tun, um das Projekt zu unterstützen." Die SPD-Bundestagsabgeordnete Angelika Krüger-Leißner denkt da zum Beispiel an einen Spielplatz. "So kann es ein Ort für die ganze Familie werden."

Moralisch, wenn auch bislang nicht finanziell, will auch der Landkreis die Sanierung unterstützen. "Noch ist das Netz an Autobahnkirchen in Ostdeutschland dünn", sagt Landrat Burkhard Schröder, der den Gottesdienst mit seiner Frau besucht. "Allerdings müssen wir uns bewusst sein, dass die Sanierung ein stufenweiser Prozess von fünf bis sieben Jahren sein wird."

Pfarrer Schmidt geht davon aus, dass die nächsten Bauabschnitte Kirchenschiff, Außenmauern und -gelände 2012 und 2013 beginnen können. "Das hängt allerdings davon ab, wie das Geld fließt." Noch sind die geschätzten Gesamtkosten von 900 000 Euro nicht gedeckt. Leben ist aber schon jetzt in die seit 40 Jahren ungenutzte Kirche gekommen der Gottesdienst am Sonntag hat den Anfang gemacht. (Von Meike Jänike)

Märkische Allgemeine vom 07. Juni 2011

   Zur Artikelübersicht