Im Spannungsfeld zwischen Läutewerk und Windpark

KIRCHE: Evangelische Gemeinde Groß Ziescht vor neuen Herausforderungen

GROSS ZIeSCHT - Wie selbstverständlich erhaben, intakt und frisch verputzt reckt sich der Turm der Kirche in Groß Ziescht gen Himmel. Dass das aber alles andere als selbstverständlich ist, wissen die Mitglieder der dortigen Kirchengemeinde, des Fördervereins Dorfkirche und die meisten der 150 Einwohner. Denn es ist noch nicht lange her, als das Ensemble auf dem Dorfanger von zunehmendem Verfall bedroht war. Dach, Gebälk und Innenleben des fast achthundert Jahre alten Feldsteinbaus waren dringend sanierungsbedürftig.

Dass sich die Familie des Potsdamer Theologen Martin Behnisch Ende der 1990er Jahre im dortigen verwaisten Pfarrhaus niederließ, war ein Segen für Kirche und Dorf. Sie brachte eine selbstverständliche Verantwortung für das bauliche und religiöse Erbe mit und entfachte dazu viele Initiativen, unter anderem die Gründung des Fördervereins für die Kirche. Martin Behnisch erfüllte manche Aufgaben des Pfarrers, seine Frau begleitete die Gottesdienste auf der Orgel. Obwohl Groß Ziescht mit den Orten Kemlitz und Schenkendorf eine selbständige Kirchengemeinde bildet, hat sie mit etwa 100 Mitgliedern keinen eigenen Pfarrer, der Baruther ist zuständig. Doch oftmals war Pfarrer Behnisch einfach dichter dran. Getauft und geheiratet wird in der Kirche eher selten, kirchliche Beerdigungen gibt es öfter.

Ein reges Gemeindeleben, das dem Potsdamer Ehepaar bei ihrem Umzug vielleicht vorschwebte, kann man hier im ländlichen Raum jenseits des Speckgürtels nicht erwarten. Das Kirchenvolk wird spärlicher und älter. Doch als die Orgel ein neues Gebläse und Reparatur brauchte, spendete ein alter Bauer. Die Aktivitäten mit und um den 19-köpfigen Förderverein stimmen hoffnungsfroh. Hier engagieren sich auch junge Menschen und solche, die sonst nicht in die Kirche kommen. Sie möchten, dass die Dorfkirche Mittelpunkt des Ortes bleibt, wie seit Jahrhunderten. Am deutlichsten ist das bei Sommerfesten im Kirchhof, die der Förderverein veranstaltet.

Gerade hat man sich im Gemeindekirchenrat, dem zehn Kemlitzer, Schenkendorfer und Groß Zieschter angehören, einem neuen Thema zugewandt. Es wäre schön, wenn die Glocke wieder regelmäßig läuten würde. Da die noch mit der Hand bedient wird, ist so ein Dienst bisher nicht zu organisieren. Ein elektrisches Läutewerk wäre die Lösung, dafür muss Geld gesammelt werden. Gute Erfahrungen hat man schon von der Kirchensanierung vor zwei Jahren und von der Wiederherstellung des Gedenksteins für die Kriegsopfer.

Ein Problem brennt dem Kirchengemeinderat momentan auf den Nägeln: der geplante Windpark in der angrenzenden Merzdorfer Heide. Schon geben sich die Investoren bei den Flureigentümern die Klinke in die Hand und werben mit den Vorteilen, vor allem für das Portemonnaie. Auch bei der Kirchengemeinde. Die empfindet Verantwortung, den Wald als Sauerstoffspender und Erholungsort zu schützen.

Übergeordnete Verwaltungsebenen weisen auf den Finanzbedarf der Gemeinde hin. Wie das auch ausgeht: Die Groß Zieschter Christen stehen immer wieder vor Herausforderungen. (Von Andrea von Fournier)

Märkische Allgemeine vom 27. April 2011

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