Die Autobahnkirche kommt

KIRCHE: Nach heftiger Debatte beschloss die Synode die Rettung der Kirche Zeestow

FALKENSEE - Sie wird weder abgerissen noch dem weiteren Verfall preisgegeben. Und sie wird auch nicht zum Möbellager degradiert. Vielmehr baut man die Zeestower Kirche (Dorfkirche des Monats Januar 2011) innerhalb der nächsten drei Jahre zur Autobahnkirche am Berliner Ring aus so Gott will und die Riege der Geldgeber Wort hält.

Am Sonnabend beschlosssen die Synodalen während der Frühjahrssynode des evangelischen Kirchenkreises Falkensee, die Sache tatsächlich in Angriff zu nehmen. Sie gaben damit dem Nutzungskonzept der Theologin Rajah Scheepers (Berlin) und dem Sanierungskonzept der Architektin Sibylle Stich (Potsdam) grünes Licht. Obendrein wurden 210 000 Euro für den ersten Bauabschnitt mittels Nachtragshaushalt gesichert. Das Geld kommt von Landeskirche, Kulturministerium, Kirchenkreis, aus Zeestow und von Sponsoren sowie Kollekten. Insgesamt werden bis 2014 mindestens 900 000 Euro für die Sanierung des Baus erforderlich sein. Hinzu kommen Mittel für die Neugestaltung des Umfeldes, das viel Raum für kreative Ideen bietet und wo sich auch das Rüstzeitenheim der evangelischen Kirche befindet.

Obwohl die Entscheidung mit überwältigender Mehrheit fiel 38 Ja- und drei Nein-Stimmen bei vier Enthaltungen , war dem ein heftiger Meinungsstreit vorausgegangen, der auch dann noch nicht annähernd ausgetragen war, als Landesbischof Markus Dröge eigentlich zu einem theologischen Vortrag ans Pult treten sollte. Doch er verzichtete zugunsten der Debatte. Schließlich sei es ein hohes Gut der evangelischen Kirche, dass in der Synode die Geistlichen gleichberechtigt mit den aus den Reihen der Gemeindeglieder gewählten Synodalen um die besten Lösungen ringen. Diesen Prozess wolle er nicht abwürgen.

Klaus Thiemann aus der Kirchengemeinde Schönwalde gehörte zu den erklärten Skeptikern. Er befürchtete unter anderem, dass die Kosten für den Ausbau der Infrastruktur (Zuwegung, Beschilderung) den Kirchenkreis überfordern würden. Doch Rajah Scheepers, die sich in den vergangenen eineinhalb Jahren tiefgründig mit dem Thema beschäftigt und auch in anderen Autobahnkirchen umgesehen hatte, hielt diese Sorge für unbegründet. Schließlich würden keine Heerscharen anrollen. Die Autobahnkirchenpfarrer hatten Zeestow bereits besichtigt und für geeignet befunden.

Bernd Schade, als "Biker-Pfarrer" der Landeskirche beauftragt für die kirchliche Arbeit mit Motorradfahrern, war ebenfalls Gast der Synode und begrüßte dieses Vorhaben vorbehaltlos. Außerdem als Jugendpfarrer in Reinickendorf tätig, sucht er stets Ausflugsziele für Rüstzeiten und könnte sich vorstellen, in Zeestow künftig einzukehren. Das Rüstzeitenheim ist in solidem Zustand, aber in seiner Ausstattung keineswegs mehr zeitgemäß. Stephan Fahrenkrog-Petersen aus dem Pfarrsprengel Fahrland kündigte an, dass er und andere Jugendliche bei der Modernisierung selbst mit Hand anlegen wollen. (Von Hiltrud Müller)

Hiltrud Müller freut sich darüber, dass die Zeestower Kirche ihre Chance bekommt

Rettung

Für die Zeestower Kirche gäbe es mehrere Optionen. Da sie seit Jahrzehnten leer steht, könnte man sie abreißen. Aber auch das kostet Geld. Man könnte sie als Möbellager nutzen, also verkaufen. So käme Geld rein. Doch eine Kirche für alle Zeit verderben lassen? Das kann weder im Sinne der Zeestower noch der Gläubigen sein. Insofern ist die Idee, aus diesem rüstigen Gotteshaus in Sichtweite des Berliner Rings eine Autobahnkirche zu machen, ein Glücksfall. Denn in dieser Welt, in der alles in Bewegung ist, wird eine solche Stätte der Einkehr offenbar gebraucht. In den eineinhalb Jahren, seit diese Idee im Kirchenkreis Falkensee bewegt wird, sind zu den 32 deutschen Autobahnkirchen von 2009 weitere sechs hinzugekommen. Sie wurden nicht nur gebaut, sie werden tatsächlich genutzt. Wie früher die Bahnhofsmission und später die Flughafenmission, so haben sich inzwischen auch die Autobahnkirchen ihren Platz im seelsorgerischen Dienst am Reisenden erobert. Der Kirchenkreis hat also gut daran getan, die Sache jetzt in Angriff zu nehmen. Und er weiß starke Trümpfe in seiner Hand: Die anderen Kirchen sind weitgehend saniert. Man kennt sich bestens aus in der Strategie der beharrlichen kleinen Schritte, im Geldbeschaffen und darin, niemals den Mut zu verlieren.

Märkische Allgemeine vom 21. März 2011

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