Schinkelkirche per Zufall entdeckt

von Georg-Stefan Russew

 
Der Grundriss der inzwischen restaurierten Kirche war für Schinkel nicht typisch.
Seltener Schinkelstil: So sieht die achteckige Kirche von Glienicke heute innen aus.
Georg-Stefan Russew (3)
Ingrid Blüschke hat in den 60ern erlebt,wie der Bau fast zusammengefallen wäre.

GLIENICKE - Dass die Kirche in Glienicke bei Wittstock/Dosse (Dorfkirche des Monats November 2008) noch im Dorf steht, grenzt fast an ein Wunder. Ohne Zufall und das Engagement der Einwohner des Prignitzdörfchens hätte es sie schon nicht mehr gegeben. Denn Ende der 1960er Jahre war das Schicksal des achteckigen Kirchleins beinahe besiegelt. Das Dach hatte große Löcher. Über Jahre hinweg regnete es hinein. Schließlich stürzte die Kirchendecke ein.

Mit viel Aufwand habe der damalige Dorfpastor dafür gesorgt, dass wenigstens der Kirchturm nicht zusammengebrochen ist, erinnert sich die Glienickerin Ingrid Blüschke. Er habe gerettet werden können und ist in einer Scheune eingemottet worden. "Das war wirklich knapp. Dennoch wurde der Kirchenrest baupolizeilich gesperrt. Kein Gottesdienst mehr." Etwa zehn Jahre lang konnte die Kirche nicht mehr genutzt werden. Der Zustand sei für viele in Glienicke unerträglich gewesen, berichtet Blüschke. "Da Baumaterialien in der DDR schwer zu beschaffen waren, wurde dann improvisiert." In der Folge wurden die Kirchenbänke auseinander genommen. Mit den so gewonnenen Brettern konnte wenigstens ein Notdach gezimmert werden. Dazu habe die LPG Bauholz besorgt.

Über Beziehungen sei es in einem Sägewerk zugeschnitten worden, berichtet Blüschke. Mit Pappschindeln konnte dann das Dach dicht gemacht werden. 1978 war es endlich so weit: Die notdürftig zusammengeflickte Kirche wurde wiedereröffnet; in Glienicke gab es wieder Gottesdienste. "Schön war was anderes. Der Putz bröckelte nur so von der Fassade. Vom alten Erscheinungsbild mit Turm war nichts mehr geblieben. Aber der weitere Verfall war erst mal gestoppt", so Blüschke.

Doch nach der Wende siechte das Kirchlein wieder vor sich hin. Immer klappriger wurde es. Geld zur Sanierung gab es von der Kirchenleitung nicht. Doch dann half der Zufall. "In Neuruppin hat ein Historiker Papiere gefunden, die belegen konnten, dass die Pläne unserer Kirche auf Karl Friedrich Schinkel zurückgehen", erinnert sich Blüschke mit Stolz. Das sei ein "richtiger Paukenschlag" gewesen. Das habe neuen Mut gegeben, wieder anzugreifen. "Das ganze Dorf zog dann wieder an einem Strang." Zusammen habe man einen Förderverein gegründet. Ingrid Blüschke wurde zur Vorsitzenden.

Ein Blick in die Vergangenheit: Den in Neuruppin wiederentdeckten Papieren war zu entnehmen, das Ende des 18. Jahrhunderts die alte Glienicker Kirche so morsch war, dass sie abgerissen werden musste. Da der preußische König auch Kirchenpatron im Amtsdorf war, wurde ein Wittstocker Bauinspektor 1813 mit dem Neubau beauftragt. Über mehrere Instanzen gelangten seine Pläne in die Ober-Bau-Deputation Berlin zu Schinkel. Seit 1810 war der große Baumeister dort beschäftigt. Er konnte sich den Unterlagen zufolge mit den vorgelegten Plänen überhaupt nicht anfreunden. Viel zu großer Aufwand, soll Schinkel im Bescheid der Oberbehörde geschrieben haben. Maximal 2000 Taler dürfe der Neubau kosten. Um sicherzugehen, soll Schinkel im Anschluss die Bauskizze gleich mitgeliefert haben.

"Er hatte eine kleine Kapelle in einer achteckigen Form samt Turm gezeichnet", berichtet Ingrid Blüschke , die die Papiere eingesehen hat. Der Wittstocker Bauinspektor habe sich Schinkels Urteil fügen müssen. Die Instruktionen des Baumeisters befolgte er dann genau. In der Achteckform ließ Schinkel keine zweite Kirche mehr bauen. Er bevorzugte den Spitzbogenstil bis er dann zum Rundbogenstil wechselt. "Das war auch wohl der Grund, warum Glienicke in Vergessenheit geraten ist", mutmaßt Ingrid Blüschke.

190 Jahre später konnten die Glienicker eine Berliner Architektin gewinnen, mit deren Hilfe ein Sanierungskonzept ausgearbeitet wurde. Auf allen Kanälen warben sie anschließend um Hilfe, Spenden und Unterstützung. Etwa 200 000 Euro seien nötig, um das Kirchlein wieder in altem Glanze zu erscheinen lassen, so die Vereinsvorsitzende.

Bis 2007 hatten Dorfbewohner ein Viertel der Summe auftreiben können. Hierfür wurden sie von der Schinkelgesellschaft Neuruppin ausgezeichnet. In der Laudatio hieß es: "Ein ganzes Dorf setzt sich für die Sanierung ihres Gotteshauses ein. Das ist beispielhaft. Selbst abgelehnte Fördermittelbescheide konnten die Glienicker nicht von ihrem Kampf abhalten." Sie hätten sich um den Erhalt des Schinkelerbes in besonderer Weise verdient gemacht. "2015, so hoffen wir, ist die berlinfernste und kleinste von Schinkel entworfene Kirche fertig", sagt Ingrid Blüschke.

Der Prignitzer vom 05. Februar 2011

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