Eine Tankstelle für die Seele

von Susanna Hoke

 
Schäden im Altarraum.
S. Hoke (3)
Noch wirkt das Gotteshaus nahe der A 10 eher schlicht und etwas ramponiert.
Vision: Pfarrer Schmidt hat einen Förderverein für die Kirche Zeestow mitinitiiert. Sie soll die erste Autobahnkirche am Berliner Ring werden.

ZEESTOW - Eine goldene Kirchturmspitze, die über die Baumkronen hinweg leuchtet, das ist die Vision von Pfarrer Bernhard Schmidt. Nur 500 Meter ist die Zeestower Kirche von der A 10 entfernt und von dort aus soll sie auch wieder gesehen werden: Der Kirchenkreis Falkensee will aus dem verwaisten Gotteshaus eine Autobahnkirche machen - die erste am Berliner Ring.

Seit 40 Jahren liegt der schlichte Backsteinbau im Dornröschenschlaf. Der Dorfkirche im Havelland sind die Kirchgänger abhanden gekommen. Über die Eingangsstufen rankt sich Efeu, Spatzen nisten im Gebälk, Drahtnetze verschließen kaputte Spitzbogenfenster. Eine Notsicherung an Dach und Turm schützt das Gotteshaus vor weiterem Verfall. Trotzdem sei der Bau von 1850 "in einem relativ guten Zustand", sagt Schmidt als Pfarrer der Gemeinde Groß-Glienicke, der auch zur Leitung des Kirchenkreises gehört.

Kostbare Ausstattungsgegenstände gibt es nicht: Das Altarbild fiel dem Umbau von 1965 zum Opfer, die damals neu eingebaute Orgel steht heute in Falkensee. Altar, Kanzel und Taufbecken sind aus roten Klinkersteinen gemauert. Die Schlichtheit hat etwas für sich: So hätten Künstler und Architekten bei der Gestaltung des Innenraums freie Hand. Auf modernen Fresken könnten Bibelgeschichten erzählt werden, etwa vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten oder Jesusí Wanderung nach Jerusalem. "Solche Weggeschichten sind schließlich das Thema der Reisenden", sagt Schmidt. Um die Anziehungskraft der neugotischen Kirche zu steigern, möchte der neu gegründete Förderverein dafür einen renommierten Künstler gewinnen, "es soll etwas wirklich Gutes sein - nichts Provinzielles oder Einfältiges", schreibt die Theologin Rajah Scheepers in ihrem vom Kirchenkreis beauftragten Nutzungskonzept. Das sieht auch eine Kinderecke mit Spielzeug und Malsachen vor.

Und dann ist da noch der alte Friedhof mit Gräbern aus dem 19. Jahrhundert, wo erschöpfte Autofahrer ebenso verweilen könnten. Die Idee stammt aus dem Mittelalter: Kapellen und Kreuze am Wegesrand luden Reisende und Pilger zur Andacht ein. In Zeiten von Stress und Termindruck dürfte das Bedürfnis nach solchen "Tankstellen für die Seele" umso größer sein. In Deutschlands ältester Autobahnkirche im bayrischen Adelsried rasten jährlich rund 300 000 Besucher. Der Augsburger Papierfabrikant Georg Haindl hatte sie 1958 nach einem tragischen Verkehrsunfall in seiner Familie gestiftet. So sind die Kapellen auch ein Beitrag zur Verkehrssicherheit. "Menschen auf Reisen können Rast machen, um geistlich aufzutanken, auch einfach nur um Ruhe und Entspannung zu finden", so Rajah Scheepers. Manche schreiben ein kurzes Gebet ins Anliegenbuch - zum Schutz vor Unglücksfällen oder als Bitte um Gelassenheit im dichten Verkehr.

Fast 40 Autobahnkirchen gibt es in Deutschland, zwei davon in Brandenburg: in Duben an der A 13 Richtung Dresden und in Werbellin an der A 11 Richtung Szczecin (Stettin). In die Dubener Kapelle kommen jedes Jahr rund 5000 Besucher. An der A 10, einer der meist befahrenen Autobahnen Europas, dürften es einige mehr sein. Und das Angebot nutzen keineswegs nur sonntägliche Kirchgänger. Laut einer Studie der Bruderhilfe ist der typische Gast ein "Autobahnkirchensponti", dessen spontaner Besuch "eine ungeplante Kurzweilinsel zum religiösen Auftanken" darstelle. "Auch wenn die Kirchen an Zulauf verlieren, haben die Menschen doch immer noch ein sehr großes Bedürfnis nach Religiosität", meint auch Pfarrer Schmidt.

Bis an der A 10-Abfahrt Brieselang ein blaues Schild auf die Autobahnkirche verweist, dauert es noch. Rund 800 000 Euro kostet die Sanierung des denkmalgeschützten Baus. Der Förderverein um die Initiatoren Bernhard Schmidt und seine Wustermarker Kollegin Heike Benzin sammelt Spenden und hofft auf Zuschüsse vom Land Brandenburg, der evangelischen Landeskirche, der Stiftung zu Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler sowie der Kommune. In diesem Jahr soll, wenn die Kreissynode dem Konzept zustimmt, der achteckige Turm saniert werden. Hat der erst wieder seine ursprüngliche Höhe von 25 Metern bekommen, können Reisende das mit Spitzhelm und Kreuz gekrönte Gotteshaus umso leichter schon aus der Ferne ausmachen.

Der Prignitzer vom 29. Januar 2011

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